Herausforderungen und Lösungen

Wo gefeiert wird, bleibt etwas liegen

Das kennen wir doch noch aus früher Jugend: Die Eltern sind im Urlaub und wir nutzen die sturmfreie Bude. Die sturmfreie Bude wird in kürzester Zeit sturmreif, wenn nicht abrissreif gefeiert. Wir waren tagelang beschäftigt, sie schlimmsten Schäden zu beseitigen, damit die Erziehungsberechtigten wieder einen Fuß in die Bude setzen konnten.

Selten bot ein Freund oder eine Freundin an, den Boden zu schrubben, die Vase zu flicken oder die Brandlöcher zu kaschieren. Die Arbeit blieb am Gastgeber hängen. Der Spaß war groß, der Kater danach...

Der Umgang der Eltern war unterschiedlich. Die einen sahen mehr oder minder großzügig über augenscheinliche Schäden hinweg. Weil sie selbst ähnlich gefeiert hatten. Weil sich die Jugend ja irgendwie austoben muss.
Die anderen reagierten mit Donnerwetter und Verboten. Die Jugend muss schließlich Zucht und Ordnung lernen. Wo kämen wir den hin und so weiter.
Die dritten waren vorab schlau genug und richteten einen Partykeller ein oder sperrten vorsorglich Schlaf- und Wohnzimmer ab.

In der Stadtgesellschaft ist es ganz ähnlich. Der Grillnachmittag im Park, die ausufernde Party am Flussufer. Nicht jede gesellige Runde ist willens, ihren Müll und Dreck sachgerecht zu entsorgen. Da bleiben Flaschen liegen - auch zerbrochene. Verpackungen, Kippen, Kohlereste. Wer will sich schon darum kümmern, wenn es dunkel und der Alkoholspiegel hoch ist? Da wird auf Wiese g'schissen, da wird an den Baum g'soacht.

Waren es in den letzten Jahren vor allem Griller, die Parks in Massen heimsuchten, sind es heute vor allem Jugendliche, die sich öffentliche Plätze, Parks und Flüsse erobern. Der Anblick am Tag danach ist kein schöner.
Gerade jetzt, wo die kommerziellen Gelegenheiten, wie Clubs und Biergärten rar sind, sucht sich das kraftstrotzende Pubertier Ventile zum Dampf ablassen. Da bleiben Kollateralschäden nicht aus.

Beinahe reflexhaft wird nach dem Staat gerufen. Verbote müssen her. Reglementierungen, Kontrollen, Strafen. Denn schließlich ist die Ruhe des Bürgers Himmelreich. Zumindest, wenn der Bürger nicht gerade selbst in Feierlaune ist. Zur WM etwa oder auf dem Oktoberfest.

Die Ideen sind so restriktiv wie hilflos. Alkoholverbot, Parks sperren, Polizeipräsenz, Platzverweise. Da braucht man sich über Eskalationen wie in Stuttgart oder Frankfurt nicht recht wundern. Druck erzeugt Gegendruck.

Lösungsorientiert ist das nicht. Wobei es durchaus lösungsorientierte Ansätze gibt.

Ein Ansatz sind auf jeden Fall die Schanigärten. Die ermöglichen es nämlich nicht nur den Wirten, in Kriesenzeiten zu überleben, das ermöglicht auch dem Partyvolk ein einigermassen sozialverträgliches Ablassen ihres Feierdrucks. Wenn sich der Wirt um Getränke kümmert, bleiben keine Scherben zurück. Wenn man sich auf der Kneipentoilette erleichtern kann, kackt man nicht zwischen die Autos.

Ein anderer Ansatz kommt aus der Eventszene (so abschätzig nach den Ausschreitungen in Stuttgart betitelt) selbst: Gebt uns Platz zum Feiern.
Zaghafte Experimente werden von offizieller Seite zähneknirschend mehr geduldet, denn gefördert. Ich kann hier nur für München sprechen, kann mir aber gut vorstellen, dass es in anderen Städten ganz ähnlich ist.

Da wäre der Kulturstrand. Eigentlich nicht recht viel mehr als eine Sandaufschüttung mit ein paar Liegestühlen und Bar. Der Kulturstrand sorgt alljährlich für Aufregung im Stadtrat. Niemand will ihn vor der Haustür haben und doch kann man ihn nicht einfach so verbieten. So wird die Vergabe, wer denn nun den Sandkasten aufstellen darf, verzögert. Genehmigungen werden verschleppt. Kaum erfüllbare Auflagen gemacht.

Da wäre der Nussbaumpark. Eine Bar, ein paar Bierbänke, ein paar Liegestühle. Eine sonst kaum genutzte Grünfläche kann zeitweise zu Unterhaltungszwecken genutzt werden.

Da wären die Schanigärten. Aber die hatten wir schon.

Das reicht für eine Millionenstadt nicht aus. Bei weitem nicht. Doch weit darüber hinaus reicht die Phantasie der Verwaltung nicht. Oder die Angst vor Konflikten. Oder der bange Blick in den Stadtsäckel. Oder, oder, oder...

Und dabei wäre es manchmal so einfach.
Will man nicht, dass die Wiese vollgebrunzt wird, stellt man Toiletten hin. Also nicht diese Dixieklos, die erst vollgeschissen und dann nicht mehr benutz werden. Sondern vollwertige Toiletten, die dauerhaft ein Mindestmass an Hygiene einhalten.
Will man keinen Müll in den Auen, dann stellt man genügend Mülleimer auf. Also nicht diese kleinen, die bereits überquellen, bevor die Party überhaupt beginnt.

Man kann sich überlegen, wesentlich mehr - vielleicht auch nur temporäre - Kioske (mit sanitären Einrichtungen und Sitzgelegenheiten) zuzulassen. Technisch wäre das kein Problem. Es gibt Containerbars, Containertoiletten, ganze Containerlocations. Die können quasi über Nacht auf- und auch wieder abgebaut werden.
Wenn man das dann noch verbindet mit der Verpflichtung, Getränke in wiederverwendbaren Pfand-Behältern (gerne auch Plastikbecher) auszugeben, es gäbe auch keine Flaschen- und Scherbenmeere mehr.

Das nur mal so zur Anregung.

[Update]: Die Abend Zeitung fand meine Einlassungen direkt so interessant, dass sie mir einen Zweispalter spendiert hat. Überzeugt euch selbst: