Abt.: Links Grün versifft
Linksdrift
Allenthalben lese ich, dass sich die Gesellschaft während die letzten 10, 20, was weiß ich wie vielen Jahre immer weiter und sehr extrem nach links bewegt hätte. Gelegentlich denke ich auf derlei Aussagen herum. Und manchmal versuche ich das mit meiner Lebensrealität in Einklang zu bringen. Und dann merke ich, nein, einen Einklang bringe ich da nicht hin. Das ergibt eine Kakophonie, die sie die Einstürzenden Neubauten in ihren schlechtesten Momenten nicht hin bekommen haben.
Wie ich darauf komme? Und wieso ich die angebliche Linksdrift der Gesellschaft für einen ausgemachten Blödsinn halte, dazu hole ich jetzt etwas aus und krame in meinem persönlichen Erlebnis Leben.
Ich habe zu meiner Zeit - also vor vielen, vielen Tagen - meinen Bakunin gelesen, ich habe Crass gehört und ich war auf dem Plenum, um Häuser zu besetzen. Ich war auf Demos gegen Nazis, Atomkraft und Polizeigewalt. Ich habe mit Autonomen getanzt und mit Punks gesoffen. Habe für Umweltschutz gestritten, als noch niemand von Klimawandel gesprochen hat. Habe fair gehandelten Kaffee getrunken.
Mit einem Wort, ich war mein Leben lang links grün versifft. Und ich bin es noch heute. Irgendwie.
Denn...
Wenn ich mich heute ansehe und mich vergleiche mit mir von vor ganz vielen, vielen Tagen, dann komme ich mit mir zu dem Ergebnis, dass ich über die Jahre zunehmend ruhiger wurde. Weniger revolutionär. Sehr viel milder gegenüber meinen Mitmenschen. Oft denke, mit Reformen kommt man in unserer Gesellschaft weiter, als mit Revolution. Ich also - und diese Erkenntnis gibt mir zu denken - über die Jahre tatsächlich von sehr weit links bis sehr weit in die Mitte des politischen Koordinatensystems gewandert bin.
Und jetzt kommt's: Wenn ich mich umschaue, dann stelle ich fest, dass die Mitte des politischen Koordinatensystems noch genau so weit rechts von mir steht, wie zu meinen extremsten Zeiten.
Die Mitte des politischen Koordinatensystems ist nach wie vor konservativ, fremdenfeindlich, und unsolidarisch. Mehr noch, sie gibt sich zunehmend unversöhnlich, ablehnend und unaufgeschlossen. Zunehmend feindselig. Man möchte sagen von Ressentiments, wenn nicht von Hass zerfressen.
Dabei wird oft kolportiert, das Frau Merkel die Republik nach links geöffnet hat. Dass die folgenden Regierungen einen Pfad nach links eingeschlagen haben.
Wenn Frau Merkel Fliehende willkommen heißt und dem Land "Wir schaffen das" zuruft, dann ist das kein Linksruck. Dann ist das ein Anflug von Menschlichkeit. Und Menschlichkeit ist beileibe keine linke Erfindung. Menschlichkeit ist - oder sollte sein - ganz tief in der christlichen Ethik verwurzelt.
Wenn Frau Merkel von dem plumpen Populismus eines Helmut Kohl abgerückt ist, dann ist das kein Linksruck, dann ist es eine Abkehr vom plumpen Populismus eines Helmut Kohl.
Wenn Schröder Harz VI...
Wenn Grenzen geschlossen...
Wenn Polizeibefugnisse wachsen...
Wenn Abgeschoben wird...
Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken...
Dann ist das kein Linksruck.
Wenn versucht wird, das Leben in den Städten lebenswert zu erhalten und damit Maßnahmen zur Verkehrssteuerung ergriffen werden. Also Maßnahmen, die ein klein wenig vom Prinzip der Autogerechten Stadt abweichen...
Dann ist das kein Linksruck.
Dann ist das einfach ein Versuch, das Leben in den Städten lebenswert zu erhalten.