Warum es höchste Zeit für Craft-Bier wurde

05.10.2016

Wenn ich mir den Getränketeil meiner Jugend Revue passieren lasse, dann ist das nicht der feinste Teil, den so eine Jugend haben kann.

Dieser Teil der Jugend fing sozusagen schon in der Kindheit an.

Eltern, die in ständiger Sorge vor Austrocknung, gar spontaner Mumifizierung der Sprösslinge waren, pumpten uns mit allerlei köstlichen Zuckerkreationen voll. Liebevoll als Limonade bezeichnet. Selbst Säfte enthielten eine beachtliche Menge des kristallinen

Rübenextraktes. Heute wird das Erzeugnis beschönigend Nektar genannt, in den 70er Jahren war man von solchen Feinheiten noch weit entfernt.

So sorgte denn in früher Jugend das Gemengelage aus verkümmerten Geschmacksknospen und schmaler Geldbörsen dafür, dass wir uns alles einverleibten, sobald das Etikett auf Bier hinwies.

Die erste erwähnenswerte Perle wäre das Dornhaner Pflugbräu. 45 Pfennig der halbe Liter. Da ging dann für drei Mark schon so einiges. An den Geschmack indes habe ich keinerlei Erinnerung mehr. Ich denke, das ist auch gut so.

Erinnerung hingegen habe ich an den Geschmack so manchen Brauereierzeugnisses, das in einschlägigen Lokalitäten kredenzt wurde.

Das Triumphirat des Schreckens: Hohenkammer in der Kulturstation, Bürger & Engel im Substanz und Eitinger im Feierwerk. Wahrlich, daneben nimmt sich das heutige Oettinger geradezu wie paradiesische Labsal aus.

Weiterhin frequentierte Orte des Bierkonsums konnten nur unerheblich bessere Qualität bieten: Paulaner in der Glockenbachwerkstatt, Spaten im Vollmond.

Lange hat es gedauert, bis wir uns aus diesem Jammertal freitrinken konnten.

Nach und nach trat Augustiner seinen Siegeszug an. Nur wenige Kneipen konnten oder wollten nicht auf das Münchner Traditionsbier setzen. Und nur wenige dieser Kneipen haben bis heute überlebet.

Augustiner verdrängte Billigplörre ebenso wie regionale und überregionale Industriebiere. Hocherfreut über das Ende der grausligen Geschmacksverwirrungen junger Jahre wurde der Mönchssud bald kultisch verehrt. Du sollst kein Bier neben dem Edelstoff zu dir nehmen. Auch wenn der Kopf am nächsten Tag noch so dröhnt. Gut, beim Hellen dröhnt's nicht ganz so. Trotzdem!

Pils, Kölsch, Alt... das waren doch keine Biere. Gut, das Pils von Augustiner, wenn man mal eins ergattern konnte.

Irgendwann schlich sich jedoch ein wenig das Gefühl ein, wir sind beim Bier geschmacklich bereits ähnlich geeicht, wie bei Tiefkühlpizza und Kartoffelchips.

Eine Ernährung rein mit Chips und Pizza ist denn ebenso ungesund und langweilig, wie Jahr und Tag am gleichen Bier zu nuckeln. Wer will sich schon einseitig ernähren.

Von heute auf morgen tat sich ein Riss in meiner Generation auf. Auf der einen Seite die Augustinerpuristen, auf der anderen Seite die Tegernseerjünger. Geschmacklich liegen zwar nur Nuancen, religiös gesehen jedoch Welten zwischen beiden Bieren.

Keiner würde je auf die Idee kommen, das selbe Lied von der selben Band tagein, tagaus zu hören. Wir wären uns einig, nach wenigen Tagen würden sich unsere Ohren nach außen stülpen. Nicht so beim Bier. Neues ist verpönt, Experimente Teufelswerk.

Jetzt macht sich eine junge Generation von Brauern auf, ganz neue Wege zu beschreiten. Grenzenlos und selbstbewusst schreiten sie zur Tat und haben keinerlei Respekt vor Trinkgewohnheiten, Szenetraditionen oder Geschmackskonventionen.

Augustiner und Tegernseer sind sich mit einem Male einig, da braut sich was zusammen. Da erwächst ein Feind, das müssen Hipster sein.

Macht nur. Schränkt euch selbst ein. Verschließt euch vor neuem.

Mir aber eröffnen die neuen Biere neue Geschmackswelten und die werde ich mir von keinem Genöle mehr nehmen lassen.

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