Warum der Craft-Beer-Hype in Berlin so nervig ist - Eine Replik

07.10.2016

Die einen so, die anderen ganz anders. Die einen am Genießen, die anderen, die den Genuss madig machen wollen.

Die einen, die offen sind für neues, die anderen, auf der Asche ihrer Tradition verharren.

Und doch: Bier bleibt Bier.

In der Berliner Morgenpost schreibt Nina Paulsen ein "Plädoyer für Bier mit Biergeschmack". Ich fühle mich herausgefordert,

Eine Replik.

"Bei der TV-Serie "Die Simpsons" gibt es eine Folge, in der Bart Simpson sich einen Ohrring stechen lassen will. Er geht dazu in die Springfield Mall, das Shopping-Center seiner Zeichentrick-Stadt. In der Mall gibt es allerdings nur ein einziges Geschäft, das dafür aber in zigfacher Ausführung: Starbucks. Filiale an Filiale reiht sich aneinander – eine Persiflage auf die überbordende Anzahl an Coffeeshops, die es heute überall so gibt."

Wenn man der Meinung ist, eine blühende Landschaft individualistischer Eigenbrötler, von Einheitsgeschmack angenervter, mutiger Selbstverwirklicher und vielleicht auch schnöseliger Vollbartträger mit kapitalistischem Kettengehabe auf eine Stufe zu stellen, dann kann man das machen. Aber dann ist das halt grundfalsch. Denn selbst wenn es viele, in Berlin vielleicht sogar sehr viele, Läden gibt, die neuerdings neue und abgefahrene Bierkreationen bieten, die Läden, die das nicht bieten sind nach wie vor in der Mehrzahl. Sie werden das auch bleiben, keine Angst. Berliner Kindl wird in Berlin nicht verdrängt und Löwenbräu in München nicht.

"Würden die Simpsons in Berlin des Jahres 2016 spielen, müssten die Starbucks-Läden in der Mall allerdings durch viele kleine Craft-Beer-Klitschen ersetzt werden. Jeder, der in Kreuzberg, Mitte oder Neukölln ein paar Quadratmeter Keller besitzt, hat mittlerweile dort einen Zapfhahn installiert und angefangen, sein eigenes Bier zu brauen. Um es dann start-up-mäßig mit mittelkreativem Namen teuer unter die Leute zu bringen."

Ist es denn in Berlin nicht eh so, dass jeder, der ein paar Quadratmeter Keller hat, irgendwie eine Kneipe da rein macht? Andere Städte würden sich die Finger danach abschlecken, diese paar Quadratmeter zu haben.
Und wenn dann unter den Quadratmeter Keller-Kneipen mit einem mittelkreativen Namen noch ein paar ein eigenes Bier mit einem vielleicht auch nur mittelkreativen Namen anbieten, dass neben den in der Regel auch nur mittelleckeren Fernsehbieren ein bisschen Abwechslung bieten, ist das denn verwerflich?

"Zumal Berlin als Hauptstadt und Mekka der Mikrobrauereien gilt. Besonders aufgefallen ist mir das am zurückliegenden Wochenende auf dem Food Market auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Pankow, wo wir uns beim Spaziergang schnell was Kleines zu Essen auf die Hand kaufen wollten. Rund 30 Stände mit leckeren Dingen gibt es dort normalerweise jeden Sonntag, allein 18 davon verkauften dieses Mal allerdings kein Essen, sondern: handwerklich gebrautes Bier. Hunger? Vergiss es. Jetzt ist offenbar Trinken das neue Essen – selbst bei einem Familienevent am Sonntagvormittag."

Lass mal nachrechnen... wenn von ehedem 30 Fressständen jetzt nur mehr 12 übrig sind, die sich in exotischen Speisen übertreffen, dann ist das sicher ein Rückgang. Wenn ich mir allerdings meinen mir eigen Wanst so ansehe, dann ist der mit 12 Fressständen ebenso überfordert, wie meine Leber mit 18 Bierständen überfordert ist. Ich seh da hungertechnisch noch keinen wirklichen Notstand.

"Ein stinknormales Bier ist doch auch prima."

Sicher ist ein stinknormales Bier auch prima. Eine stinknormale Hartwurst kann ja auch prima sein. Eine Mailänder Salami ist aber einfach oft ein bisschen primaer. Ein ein Bier, das ein bisschen besser schmeckt, als ein stinknormales Bier, schmeckt nun mal ein bisschen besser, als ein stinknormales. So ist das. Und das ist einfach prima.

"Ich verstehe den ganzen Hype ums Craft Beer nicht. Das ist wie beim Kaffee, bei dem das Standardprodukt eigentlich immer perfekt war und genau seinen Zweck erfüllte – bis es durch diverseste Sirupsorten verhunzt und um ein paar Euro teurer gemacht wurde. Ein stinknormales Bier an sich ist doch auch schon total prima. Und hat Generationen vor uns bereits glücklich gemacht und so wie es war ganz wunderbar geschmeckt."

Ich seh das eher so: Bier ist, wie Kaffee, Tee, Wein, Limo, Cola und noch ein paar weitere Flüssigkeiten ein Getränk. Und Getränke sind phänomenal unterschiedlich. In Geschmack, in Aussehen, Geruch und Wirkung.
Und wie bei all den Flüssigkeiten gab es auch bei dem Bier nie ein Standardprodukt. Es gab Untergärig und Obergärig, es gab Helles, Lager, Export, Pils, Kölsch, Stout und unmengen mehr. Selbst das IPA ist keine Hipster-Erfindung.
Wer die jeweilige Flüssigkeit rein auf ihren Zweck beschränken möchte, der möchte doch bitte von Bier, Wein und Schnaps vielleicht abstand nehmen und sich mit Vodka und Korn begnügen. Die erfüllen ihren Zweck und man braucht kein Gewese darum machen. Auch wenn mich jetzt Vodka- und Korn-Sommeliers gerne steinigen würden.

"Braucht man da heute wirklich Espresso Ale, Kiwi Ale oder Orange Pale Ale, um das Produkt zu optimieren? Die Zahlen sprechen dagegen: 1976 konsumierte jeder Deutsche noch 151 Liter Bier – 106 Liter waren es im Jahr 2015. Schmeckt wohl nicht mehr so. Früher war eben doch alles besser."

Hier ein ganz klares: Nein. Kein Mensch brauch Espresso Ale. Aber der Mensch braucht auch kein Auto und keinen Fernseher. Der Mensch braucht Wasser und Kalorien. Aber was spricht dagegen, das Wasser mit Hopfen zu veredeln und die Wintertage mit HD-Geräten zu verkürzen? Und: Früher war nicht alles besser! Früher war alles früher.

"Bier war immer ein ehrliches Getränk. Bodenständig, simpel. Hopfen, Malz, Hefe, Wasser, Punkt. Ein Genuss für Manager und Arbeiter, für Studenten und Senioren. Selbst für Berliner Hipster. Zum Essen, zum Fußball, als das legendäre Wegbier der Tram. Jetzt wird es als Craft Beer plötzlich von Sommeliers verkostet wie teurer Wein und dementsprechend umschwafelt. Florale Nuancen. Ein Nachhall von Holz, Kirsche und Spekulatius. Craft Beer ist nicht Genuss- oder Nahrungsmittel. Es ist ein Style – und ein elitärer noch dazu. Das passt mit dem Ausgangsprodukt einfach nicht zusammen."

Yes, Bier war immer ein ehrliches Getränk. Es schmeckt oder schmeckt nicht. Ganz ehrlich. Und wenn man eins mehr getrunken hat, dann hat man einen Rausch gehabt. Ganz ehrlich. Und auch ganz ehrlich: Das ist immer noch so. Und das ist auch so, egal, welche Form die Flasche, welch Volumen das Glas dazu hat.
Und doch war es nie so einfach.
Der Senior hat es schon immer gerne magenfreundlich temperiert, der Student gut gekühlt gehabt. Auf dem Weg zur Tram wird kein Weissbier getrunken und der Manager hat keinenMasskrug vor sich stehen. Das Alt gehört ins Reagenzglas, das Wiesnbier in dem Literhumpen. Und mal ganz ehrlich, was schert mich des Sommeliers geschwafel, wenn ich mit meinen Leuten im Biergarten sitze?

"Die Frage ist ja, ob man sich in Berlin irgendwann noch mit einem einfachen Bier von der Stange blicken lassen kann. Mit einem Bier, das halt schmeckt. Mit Bier-Nuancen und Bier im Nachhall. Aus der schnöden Flasche und nicht aus dem schicken Craft-Beer-Kelch. Mit einem Bier, das nicht zum Angeben taugt. Ich glaube: zum Glück schon."

Wer sich solche Fragen stellt, mit Verlaub, der macht sich Probleme, wo andere Durscht haben. Der jammert, wo andere geniessen. Der erinnert mich an jene, die den Iro verabscheuen, weil ihn seine eigene 08/15 Frisur anwiedert.

"Der Witz an dem ganzen Hype ist, dass ich eigentlich niemanden kenne, der Craft Beer trinkt. Ja, man hat es mal probiert, das 0,1-Liter-Gläschen für 4,50 Euro. Aber in der Regel bestellt man eben doch ein stinknormales Pils, denn da weiß man, was man hat. Das ist wie beim Kürbis-Latte-Macchiato oder dem Pfefferminz-Frappuccino. Klingt aufregend, schmeckt aber seltsam. Als Gag funktioniert das Ganze. Mehr aber auch nicht."

Hm, das lässt mich stutzen. Wenn ich niemanden kenne, der irgendwas macht, mich also damit auch nicht belästigt, wo ist dann also das Problem?

"Zumal der deutsche Biermarkt mit mehr als 5000 Sorten und mehr als 1300 Brauereien ohnehin schon riesig ist. Aber gut, jeder darf ja seine Nische besetzen und wem es schmeckt, der soll mit seinem Spekulatius-Orangen-Buchenrauch-Bier gern glücklich werden. Solange die Malls und Einkaufsstraßen in Berlin nicht damit zugepflastert werden, ist ja auch alles gut."

Das ist dann aber auch schön, wenn man beim Konsumieren in den Mall und den Einkaufsstraßen nicht über Gebühr belästigt wird. Dann ist ja alles gut.

Gute Nacht.

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Lange wurde gerätselt, für was außer der Abschaffung des Euro die Alternative für Deutschland (AfD) steht.
Ein wenig Wirtschaftsliberalismus, um Wähler von der FDP abzugreifen. Ein wenig konservatives Gehabe um im Klientel der Union zu wildern.

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