Express Brass Band

Interview mit Wolfi Schlick

13.11.2013

Ende der Neunziger Jahre tauchte die „Express Brass Band“ auf Münchens Straßen auf. Gelernte Muster des althergebrachten Musikhörens und der Frontalbeschallung in verrauchten Kellerclubs ignorierend, bespielt die Formation seither alle möglichen und vor allem unmöglich scheinenden Locations.

Marschierend auf der Straße, beschwingt beim Frühschoppen oder beinahe orchestral auf großen Festivalbühnen.

Size does matter (2011)

Size does matter (2011)

Eine musikalische Einordnung ist so unnötig, wie unmöglich. Lediglich Einflüsse lassen sich heraushören. Neben jazzigen Tönen, Balkanrhythmen und New Orleans Brass klingt auch schon mal das „Model“ von „Kraftwerk“ in einer inspirierenden Neuinterpretation. Aus bis zu 25 Musiker und Musikerinnen besteht das Personal. Gäste nicht eingerechnet.

An einem sonnigen Nachmittag sitze ich bei Wolfi Schlick - Musiker und Koordinator der „Express Brass Band“ - und versuche mich in einem lockeren Gespräch dem Wesen der Band zu nähern. Der Einstieg unvermittelt:

Geist: Wie ich bedauernd erfahren habe, befinden sich die „BooGoos“ vom Alex Woldt gerade in Auflösung. Das ist eine der Bands, mit der Du regelmäßig zu sehen warst.

Wolfi: Es ist echt sehr lieb, wenn der Alex mich immer lobt. Ich war dann schon einer von den sehr regelmäßigen, sozusagen, auch wenn ich manche Proben, also wenn ich irgendwie fertig war, auf dem Sofa in der Küche verschlafen hab. Aber es war trotzdem immer so, dass ich auch da war. Aber oft war ich auch unterwegs. Der Alex muss sich auch irgendwo klar werden.

Geist: Du hast ja genug andere Bands.

Wolfi: Ich hab genug Bands und wenn dann möchte ich noch eine andere Band machen, dieses New Orleans mäßige zu betonen. Und das andere wäre eher so ein Rock Trio.

Geist: Das wäre dann mal eine ganz andere Richtung.

Wolfi: Ja, aber das wollte ich schon seit 20 Jahren, das ist kein Problem.

Unter der Monopteros (2011)

Unter der Monopteros (2011)

Geist: Jetzt aber zum eigentlichen Thema. Die „Express Brass Band“. Wie hat das eigentlich angefangen mit der Brass Band?

Wolfi: Die Ursprünge... es gibt ja immer verschiedene Ursprünge. Es gibt eine Platte bei Trikont, die heißt "Mit gelben Birnen" und die war von "Sogenanntes Linksradikalen Blasorchester", also aus den Siebzigern und den frühen Achtziger. Die fand ich schon immer sehr nett. Da war dieses Orchester von Heiner Goebbels und Alfred Harth. Damals hatte der Alfred noch nicht das 23 im Namen und Goebbels war noch nicht Professor in wo auch immer. Und die hab ich in den Achtzigern zufällig am Resi gesehen. Die zwei haben Bühnenmusik für schlag mich tot gemacht. Das fand ich toll, der eine hat Bari-Sax und der andere hat Tenor-Sax gespielt. Das ist der eine Faden.

Der andere ist, dass ich 91/92 ein Jahr in England als Assistant Teacher war. Ich hab da deutsche Konversationsstunden gegeben und hab viele Leute und viele Bands kennen gelernt. Und eine Band war die „Bristol Ambling Band“. Das war eben so eine politische Brass Band in der Tradition von dem „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“. Erst viel später habe ich erfahren, dass es solche Polit-Straßenbands in Italien und überall gibt.

Die „Ambling Band“. Den Namen fand ich super, weil sie eben keine Marching Band sind, sondern eine Ambling Band, sie spazieren halt herum und das war schön. Die waren eine typische, nichtprofessionelle Band, wie die meisten dieser Kapellen. Damals war Nelson Mandela noch im Gefängnis. Wir haben für "Save the whales", "Free Nelson Mandela", "Don't build the tesco on our common ground" gespielt. Es gab sogar Auftritte bei Radl-Demos, das war immer ein bisschen schwierig. Die Radlfahrer sind immer um uns herum gefahren. Wir waren ja nur eine Ambling Band.

Und eigentlich habe ich davor schon Ende der Achtziger den Ian und den Daniel Enslen kennen gelernt. Damals gab es schon mal ein New Orleans Revival, so wie jetzt auch. Jetzt ist ja gerade die „Hot Eight Brass Band“ sehr angesagt. Dann gibt es noch die „TBC“, die „Soul Rebels“, oder die „Stooges Brass Band“. Jetzt gibt es so viele New Orleans Funky Bands, und die „Hot Eight“ ist wohl die bekannteste - die hast Du noch gesehen, nach uns in Eching. In den Achtzigern gab es schon mal so ein Revival, das wurde losgetreten von eher so Jazzern. Das war die „Dirty Dozen Brass Band“ und dann gab es eine junge Band, die „Rebirth Brass Band“. Das waren Highschool Kids und die haben angefangen so ein bisschen Michael Jackson Songs, aber auch traditionelles New Orleans Zeug zu spielen. Das fand ich immer cool.

Gebläse in Eching (2013)

Gebläse in Eching (2013)

Mit Ian und Daniel zusammen hab ich gedacht - woah - wir müssen für den Englischen Garten eine kleine Band machen. Eine, mit der wo man herumlaufen kann. Warum gibt es in München so viele Jazzer aber keiner macht dieses New Orleans Zeug. Und wenn es New Orleans ist, dann ist es immer dieses Dixie-Jazz-mäßige. Das ist auch cool. Also wenn ich mir jetzt alte Münchner Dixieplatten anhöre, dann finde ich das total charmant und nett, aber der Anteil an Dixie ist so groß und der Anteil New Orleans so klein. Das habe ich nie verstanden.

Wie halt die Sachen so sind - ich bin ja jetzt auch kein Zielstrebiger - habe dann bei den „Poets (of Rhythm)“ gespielt.

Geist: Die Poets sind ja eher eine klassische Band.

Wolfi: Es ist ein klassische Band, genau, mit Schlagzeug, Hammond Orgel und... aber es geht ja auch immer darum, wie viel Zeit man für etwas hat und verwendet und als die Energie bei den „Poets“ gebunden war, dann war sie natürlich nicht mehr für irgend etwas anderes frei. Irgendwann hat sich das auseinander entwickelt.

Dann kam die Idee mit der Brass Band wieder. Ich hab mir gedacht, hey, genau das mit diesen klassischen Bands langweilt mich so ein bisschen. Dieses „Du hast halt so eine Band und man muss so und so funktionieren und das und das“. Da habe ich mich erinnert, vor acht Jahren warst Du in England und es war eigentlich alles cool und lustig und mit Ian und Daniel wolltest Du schon immer so was machen. Und dann kannte ich auch den Zsolt. Der fand des auch immer cool.

An ein Treffen kann ich mich noch erinnern. Das war mit dem Zsolt und noch einem Posaunisten und mir, das war so als erstes. Und dann kamen sofort wieder Ian und Daniel dazu. Der Posaunist wollte dann eh nicht. Dann kam der Max Weissenfelt von den „Poets“ – der hat damals auch noch bei „Das goldene Zeitalter“ gespielt - und der hat auch gesagt, ja machen wir doch da mal. Dann war es recht schnell die Band. So um 1999.

Geist: Damals war es noch überschaubar?

Gegengebläse in Eching (2013)

Gegengebläse in Eching (2013)

Wolfi: Noch überschaubar, ja. Aber es waren doch schnell zehn Leute. Es kamen der Max und der Kroxi dazu - das war über die Free Jazz Zeiten mit dem Ian und dem Daniel - und dann die Zoozie, die hat beim Philipp Zoche am Englischen Garten gewohnt. Da haben wir unten im Keller geprobt und sind manchmal auf die Wiese raus gegangen.

Geist: Es ist ja auch nicht so einfach, für so viele Leute einen Proberaum zu finden?

Wolfi: Das hatten des Glück, dass wir beim Philipp in den Keller konnten. Das ging ein paar Jahre. Die Band wurde dann etwas achtlos und der Philipp wollte, dass mehr aufgepasst wird. Und irgendwann war das dann vorbei.

Dann haben wir beim Harro in der Werkstatt am Westpark geprobt. Es gab nach ein paar Jahren Beschwerden. Da hätten wir vielleicht sogar weiter proben können, aber die Zeit war damit auch vorbei.

Proberaum ist schwierig, auch weil das mit der Lingg (derzeitiger Proberaum) so in der Luft schwebt und man nicht weiß, wie lange das gut geht. Aber irgendwie mach ich mir über den Proberaum nicht so viele Gedanken, weil ich mir denk, mit so einer Band, da bekommt man sicher irgendeinen Gemeindesaal oder die Glockenbachwerkstatt. Im Sommer kann man zur Not auch draußen proben. Was heißt zur Not, es ist manchmal vielleicht sogar besser, weil die Leute dann auch kommen.

Geist: Wie zum Beispiel jeden Sonntag bei schönem Wetter im Englischen Garten?

Schlagzeug im englischen Garten (2011)

Schlagzeug im englischen Garten (2011)

Wolfi: Das Problem daran ist, dass die Leute das einfach genießen wollen. Die Leute von der Band hängen halt rum, liegen rum und dann ist auch immer ein Publikum da. Eine Probesituation hast du eigentlich nur, wenn Du irgendwo hin gehst, wo kaum Leute vorbeikommen. Sonst bist Du immer gezwungen zu spielen.

Eigentlich ist es schon absurd die Geschichte. Seitdem irgendwo in der Zeitung stand, dass wir am Sonntag, wenn das Wetter schön ist, immer am Monopteros proben. Vor zwei oder drei Jahren war das, seit der Zeit sind wir ganz selten dort. Aber gar nicht bewusst. In diesem Jahr war das Wetter bis Ende Juni so schlecht und dann war es wahnsinnig heiß. Obendrein es war die Zeit als wir schon fast jedes Wochenende irgendwo gespielt haben. Dann war man halt nicht da, weil man wo anders war. Letztes Jahr war es so ähnlich. Da haben wir vielleicht zwei oder drei Mal am Monopteros gespielt.

Geist: Euch sieht man immer wieder in unterschiedlichen Besetzungen zu ganz verschiedenen Anlässen. Etwa bei einem Kinderfasching vom Feierwerk...

Wolfi: ... ja, mit den roten Nasen, genau, Wahnsinn...

Geist: ...oder auf irgendwelchen Demos, wo dann auch nur drei, vier, fünf von Euch da stehen.

Wolfi: Da muss ich ausholen. Die „17 Hippies“ - diesen Berlinern, die auch in diesem „Halbe Treppe“ Film vorkommen - haben ja auch so ähnlich angefangen. Die haben als Brass Band angefangen, dann ist es ganz schnell zu was anderem geworden, weil die haben ja Cello und Geigen. Ein paar von denen waren professionelle Musiker, die sich gleich überlegt haben, wie sie damit umgehen sollen. Entsprechend gibt es die Hippies Light - die sind dann zu dritt - und oder der Lüül spielt mit Extraband. Oder Lüül auch mit zwei anderen und dann gibt es sie zu fünft oder zu siebt und dann eben alle zusammen. Es ist so, dass man ein bisschen darauf eingeht wer kann was wie zahlen.

Alex Woldt

Alex Woldt (2003)

Bei uns glaube ich war es ursprünglich anders. Wenn Du zu oft spielst, sind die Leute einfach irgendwann überfordert. Wenn Du aber trotzdem spielen willst, dann gibt es ein paar, die finden es besonders gut, auf der Demo von was weiß ich zu spielen und ein paar andere finden es besonders cool, auf diesem Kindespielplatzeinweihung oder Kindergeburtstag oder sonst noch was zu spielen. Oder wenn eine Galerie anfragt, die nur einen Raum hat, und die sagen, ja also mehr als fünf Leute geht irgendwie nicht. Dann kann man entweder sagen, na gut, dann geht es halt nicht oder man sucht fünf Hanseln zusammen, die das gerne machen möchten. Die gehen dann hin und spielen des. Das ist politisch natürlich immer ein Problem, weil wer darf spielen und wer darf nicht spielen. Und deswegen ist es auch wirklich dem geschuldet, dass die Band aus vielen verschiedenen Leuten besteht, die unterschiedliche Kreise kennen. Da gibt es die Tröpferlbadszene und dann gibt es die Galerieszene und dann gibt es keine Ahnung die Leute, die an der Uni arbeiten. Natürlich wirst Du dann auch an der Uni spielen. Da spielt man mal für irgendeine Magisterzeugnisverleihung. Das können nur ein paar Leute machen, weil man sehr früh Zeit haben muss und das Repertoire muss auch funktionieren.

Aber das ist für mich nicht das, was die Brass Band ausmacht.

Geist: Ich stell mir das auch recht schwierig vor, ursprünglich zehn, heute bis zu 25 Leute irgendwie zu koordinieren.

Wolfi: Ich sag nur Dickdarmentzündung... nein, das ist natürlich anstrengend.

Geist: Es ist ja schon bei einer Band mit vier Leuten gar nicht so einfach.

Chor in Eching (2013)

Chor in Eching (2013)

Wolfi: Wenn von 25 Leuten zwanzig sagen, ich hab keine Zeit... aber wenn die richtigen fünf sagen, sie haben Zeit, dann geht es schon. Aber was will ich denn machen, wenn ich einen Schlagzeuger, zwei Percussionisten und drei Tuben hab, und dazu eine Posaune. Natürlich gibt es Bands, die mit dieser Besetzung großartige Musik machen können - Howard Johnson oder Ray Anderson - aber bei uns muss es klar sein, dass aus jeder Instrumentengruppe ein paar Leute zusagen.

Wenn eine Anfrage kommt und ich weiß nicht, ob ich es machen kann, dann muss ich die erst einmal vertrösten. Ich muss dann herum telefonieren. Wenn ich weiß, ich hab ein Schlagzeug, zwei Trompeten, ein Saxophon und der Neil ist auch dabei und spielt Banjo und singt, dann kann ich schon mal zusagen. Weil dann wird es schon irgendwie funktionieren. Dann können auch noch mehr dazu kommen.

Es war bei uns relativ wurscht, wie viele kommen. Du machst was aus und ob es dann jetzt acht oder zwölf, oder zwölf oder 17 sind, is scho wurscht.

Die Leute da in Eching, mit denen war es anstrengend. Denen habe ich gesagt, 15 bis 18 Leute kommen. Das war denen zu ungenau. Für mich ist 15 bis 18 eine wahnsinnig genaue Angabe. Acht bis 24 ist für mich einen ungenaue Angabe. Aber ob jetzt 15 oder 18 von uns auf der Bühne stehen, ist in meinen Augen, also vom Kollektiv her gesehen, eh unglaublich genau. Und damit waren die komplett überfordert.

Geist: Die wollen natürlich wissen, wie viele Mikros da stehen müssen...

Der einsame Trompeter (2011)

Der einsame Trompeter (2011)

Wolfi: Das ist die Professionalitätsschiene und wird immer verhandelt werden müssen. Nicht dass ich das denen übel nehme. Du machst so ein Festival, da spielen an zwei Tagen zwölf Bands oder wahrscheinlich mehr, also eher so 20. Das ist mir schon klar, dass ich da viel verlange. Wer uns verfolgt, dem müsste klar sein, was der Reiz an der Band oder was das Interessante daran ist. Und dann muss man den Leuten beibringen, hey, hört zu, also wir sind ja vielleicht nicht billig, aber im Verhältnis dafür, wie viele wir sind schon irgendwie günstig. Natürlich sind wir kein Headliner, aber genau das, was uns absetzt gegenüber anderen, damit müsst Ihr dann auch zurecht kommen. Wir brauchen nicht jeder ein Bett, sondern es reicht irgend ein Schlafplatz. Es kann dann so sein, dass in dem Zimmer fünf oder neun liegen. Das entscheidet sich erst in dem Moment wenn wir ankommen.

Wenn alle Bands so unüberschaubar groß wären, dann könnten die mit dem Essen gar nicht kalkulieren. Aber wenn von 20 Bands eine so ist, dann müssen sie es halt schlucken, dass diese eine Band so behandelt werden muss. Die anderen sind dafür die Headliner oder was und die verlangen dafür in ihren Technical Rider die Flasche von dem Whiskey und blah. Unser Diventum ist, dass man darauf eingeht, dass man da ein bisschen improvisieren muss. Und da will ich dann trotzdem so behandelt werden. An sich war dann alles gut. Aber wenn die denken, die kommen nur aus München, die brauchen keinen Backstage... wenn einfach 18 Leute mit Instrumentenkoffern ankommen, dann mag man den Koffer auch irgendwo hinstellen.

Geist: Dann müsst Ihr von vornherein hinschreiben, wir sind 25 und wenn es weniger werden, dann packen wir das übrige Bier ein und nehmen es mit nach Hause.

Wolfi: Wobei es mit fortschreitenden Alter der Band immer mehr Leute gibt die nicht mehr im Schlafsack am Boden irgendwo schlafen wollen. Das ist klar.

Geist: Wenn man das jahrelang gemacht hat, dann sagt der Rücken irgendwann, ich möchte eine Matratze.

Ihr experimentiert ja auch immer wieder mit Gesang. Ich sag jetzt einmal experimentieren, weil im Laufe der Jahre mal mehr mit Gesang gemacht wurde, mal weniger. Mal mit Gastsängerin wie in Eching.

Neil und Rachelle (2013)

Neil und Rachelle (2013)

Wolfi: Ja, die Rachelle hat mal einen Workshop über Gospelsingen gemacht. Ein paar von uns waren dort und das war ziemlich gut. Dann war sie bei der Releaseparty in München und ist mit eingestiegen. Das war super. Wir haben gedacht, in Eching gibt es eine große Bühne und sie ist eine, die auch das Publikum mitzieht. Das ist an sich nicht mein Hauptinteresse. Mit dem Gesang war es früher so, dass der Zsolt bei Radio Kabul gesungen hat. Das ist ja immer noch der Hit. Das war cool, auch wenn er nur bei vielleicht drei oder vier Liedern gesungen hat. Dann ist der Zsolt irgendwann gegangen, weil Familie mit vier Kindern und Band und Beruf, das geht dann irgendwann nicht mehr. Dann war erst Mal Gesang weg. Dann kam der Neil und wir haben das wie mit dem Zsolt gemacht. Die Band ist an sich nicht mit Gesang, sondern im Programm sind vier Nummern mit Gesang. Vier von 20 Liedern.

Jetzt merkt man schon, dass es interessant mit diesen großen Bühnen ist. Da funktioniert es natürlich viel besser, wenn Gesang dabei ist. Die Leute wollen immer jemanden, der sie direkt anspricht.

Geist: Der das Publikum dirigiert...

Wolfi: Ja genau. Und der BR, das merkt man auch, die suchen sich dann die Stücke raus, bei denen der Neil singt. Weil der auch ein super Frontmann ist. Wie das weiter geht, wird man sehen. Die Präsenz vom Neil ist natürlich sehr viel wichtiger, seit wir gelegentlich mit größeren Bühnen zu tun haben. Das macht es irgendwie anders.

Geist: Das macht auch einen Unterschied, ob Ihr als Walking Brass Band unterwegs seid, da hat natürlich keiner eine Gesangsanlage auf dem Rücken ...

Wolfi: Genau, das ist schwierig. Man kann da mit Megaphon manchmal singen.

Geist: ...und auf der großen Bühne, wenn da vorne einfach nichts ist, dann ist es irgendwie leer.

Wolfi: Der Neil macht das geradezu perfekt, der ist so da und er ist aber so ein Nichtanimateur. Der sagt nie zu den Leuten "Jetzt singt mit" oder so. Die singen halt mit oder sie tun es nicht. Der Neil hat dieses Englische, Zurückhaltende. Nicht, dass ich das andere nicht auch mag. Wie wir jetzt mit dem Chuck Perkins unterwegs waren, der immer so "New-Orleans-volle-Kante-drauf" und "los-mach-mit"-mäßig drauf ist. Das ist schon auch cool. Dann brauchst Du eben solche Leute. Aber mir sagt das auch nicht so viel.

Geist: Das Publikum ist ja gerne fixiert auf einen, sagen wir einmal Leader.

Neil singt (2013)

Neil singt (2013)

Wolfi: Da bin ich wie mit den Veranstaltern, da muss das Publikum eben was lernen. Jetzt aber nicht in dem Sinn, die sind blöd, die verstehen nicht, sondern ein bisschen in dem Sinn, ich muss mich auf der Bühne wohlfühlen, egal, ob jetzt der Neil da ist oder nicht. Und das Publikum fängt damit was an oder nicht.

Mir würden bei so einer großen Band verschiedene Sänger besser gefallen. Wenn drei oder vier Leute aus der Band, gute Sänger wären, und bei manchen Liedern singt halt der oder die. Natürlich auch immer gut, wenn man Mann und Frauenstimme hat. Die Tesi singt ja auch manchmal. Aber wir haben das noch nicht so richtig ausprobiert.

Ich spiele zwar lieber am Platz, auch wenn ich draussen spiele. Das ist immer schwierig, wenn Du mit Congas herumlaufen sollst. Wir spielen auch meistens mit Set und nicht aufgeteilt in Bass-Drum und Snare-Drum. das ist immer nur die Notlösung. Deswegen sind wir gar nicht so neworleansig oder balkanmässig. Aber das wäre mein Wunschtraum, dass man verschiedene Leute hat, die dann vortreten, und für des Lied sozusagen der Leader sind. Und dann machen sie wieder was anderes. Das kann ein Publikum schon akzeptieren lernen.

Geist: Ich würde jetzt mal sagen, nachdem es Euch schon so lange gibt, hat euch das Publikum schon ziemlich akzeptiert. Wenn Ihr nicht auch positive Rückmeldung vom Publikum bekommt, dann würdet Ihr auch irgendwann sagen, das war es dann.

Wolfi: Da geht es auch immer um Politik. Ich bin ja nicht dediziert politisch. Auch wenn ich das Sogenannte Linksradikale Blasorchester am Anfang erwähnt hab. Aber es ist nicht das, was mich interessiert. Da gibt es andere Bands, die sollen das machen und gut ist. Ich finde das politische an der Band das entsteht schon durch die lange Zeit. Und dass man das auf sich nimmt, ein Kollektiv so lange am Laufen zu halten. Dass man sich damit auseinander setzt, was es heißt, wenn jemand dazu kommt, und was es heißt, wenn jemand gehen will oder gegangen wird. Was bedeutet das für diesen Kosmos. Das es so eine Modellgechichte ist. Ein soziales Gefüge im Kleinen. Das ist für mich das Politische daran.

Geist: Eine Frage, mit der Du sicher häufiger konfrontiert wirst: Wie kommt man zu dieser Band?

Wolfi: Früher war das immer ein Diskussionspunkt. Wir waren lange Zeit eine offene Band. Irgendjemand kannte irgendjemanden und sagt, hey komm her. Viele Leute haben angefangen, bei uns ein Instrument zu spielen.

Geist: Nach dem Motto, wenn Du schon herumstehst, da hast eine Triangel und mach mit.

Wolfi Schlick (2013)

Wolfi Schlick (2013)

Wolfi: Ja genau. Oder meine Schwester hat eine Trompete und ich weiß, wie man die Trompete hält. Das war bei uns so und bei den ganzen Bands, die wir aus Italien kennen, da ist das auch Programm. „Titubanda“ sind inzwischen um die 50 Leute. Das ist natürlich etwas anderes. Die treffen sich in einer besetzten Fabrik. Einem Centro Sociale wie es sie in Italien häufig gibt. Die treffen sich dann zur assemblea generale, also zur Vollversammlung und dann Abstimmung und blah. Bei uns ist das nicht ganz so. Aber wir waren auch nicht die klassische geschlossene Band, wo man sagt, die und die sind drin und der Rest ist halt draussen. Jetzt ist ein bisschen ein Übergang. Es ist nicht mehr so, dass jeder der halt Lust hat kommen und mitspielen kann. Weil dann muss man sich überlegen, wie man das macht.

In Oberammergau hat die Dagmar Golle gefragt, was ich jemandem, der mitspielen will, sagen würde. Dem würde ich sagen, gründe sofort deine eigene Brass Band. Entweder gibt es dann so viele Brass Bands, dass wir vom Markt geschwemmt werden. Jetzt müssen die Leute damit leben, dass sie als Gäste kommen.

Ich hätte gute Lust, so eine Communityband zu machen, genau wie des, was bei uns früher so war, dass Leute einfach so kommen durften. Inzwischen wäre das schon wieder ein eigenes Projekt.

Geist: Die Brass Band befindet sich also gerade in einer Übergangsphase vom Kollektiv zu einer richtigen Band.

Wolfi: Ich glaube, so richtig Band wird es nie. Es sind zu viele Aspekte dabei, ...

Geist: Es hat ziemlich lange gedauert, bis Ihr eure erste CD raus gebracht habt. Und dann noch mal ziemlich lange, bis die zweite kam.

Wolfi: Eigentlich ist die erste im Rückblick sogar schnell gekommen. Wir haben '99 angefangen zu spielen und 2003 aufgenommen und die CD auf den Markt gebracht. Also vier Jahre...

Geist: ...andere Bands spielen drei Monate und bringen eine Platte raus...

Wolfi: Dass es dann zehn Jahre dauert, bis die nächste kommt, des hätte ich natürlich auch nicht gedacht.

Geist: Eine Platte ist ja schon etwas besonderes, das passiert ja nicht alle Nase lang. Oft ist das dann was einschneidendes. Ich kannte Bands, die lösen sich anschließend auf, die sagen, jetzt haben wir unseren Zenit überschritten, lass gut sein. Andere sagen, jetzt müssen wir nach vorne raus gehen, jetzt werden wir berühmt.

Alex in Eching (2013)

Alex in Eching (2013)

Wolfi: Das Lustige war, dass der Achim von Trikont gesagt hat er habe "keine Lust, dass die dann aufhören". Es wirklich auch ein Kampf, eine Platte raus zu bringen. Auch für mich. Wir haben in der Zeit nach der ersten Platte öfters versucht, wieder was aufzunehmen. Die erste Platte ist ja im Amerikahaus entstanden. So am Stück. Die ist letztlich auch nur herausgekommen, weil wir die nicht alleine gemacht haben. Der Wolfi Farkas von der Blumenbar wollte einen Sampler mit lauter Leuten die er kannte und nett fand. Also einen „Freunde der Blumenbar machen Musik“ Sampler. Und so war die Platte dann ja irgendwie auch. Da gab es eine klassische Pianistin und der damals schon 90 jährige Großvater vom Wolfi hat zwei ungarische Trinklieder eingesungen. Aufgenommen haben wir aber alles in zwei oder drei Tagen im Amerika Haus. Wie ich das dann gehört hab, hab ich gedacht, das brauch ich nicht auf dem Markt. Dann kam das aber trotzdem raus. Später haben wir immer wieder aufgenommen und es ist nie so geworden, wie man sich das vorstellt. Wir haben versucht, was zusammenzustellen, dann sind wir zu Trikont hin und die haben das total uninteressant gefunden. Stimmt ja auch irgendwie. Dann haben wir uns halt Zeit gelassen.

Die Band, die sich auflöst oder berühmt werden will, das sind so und so viele. Fünf Leute vielleicht. Die überlegen sich dann, was sie machen wollen. Mit 20 kannst Du nicht überlegen... also Du musst schon überlegen, was Du machen willst aber Du kannst nicht sagen, ach toll, wir werden jetzt berühmt und jetzt leben wir alle davon. Das wird nie gehen.

Geist: Das ist bei der Menge schwierig.

Wolfi: Das müssen die Leute in der Band auch lernen. Sie können nicht davon ausgehen, dass sie ohne Ausbildung in so einem großen Ensemble spielen und davon leben können.

Eine Pop-Band muss natürlich auch nicht ausgebildet sein. Eine Pop-Band muss nichts studiert haben, die müssen einfach gut sein.

Aber wenn man so operiert wie wir, ohne jemals viel geübt zu haben. Dass man plötzlich davon leben kann, in einem Markt, der auf sehr eng geschnittene Produkte ausgerichtet ist. Ich denke auch nicht, dass jemand von uns ernsthaft darüber nachdenkt, daran glaubt. Wenn dann plötzlich so Aufmerksamkeit kommt, dann denkt man schnell, so, jetzt geht es bergauf.

Geist: Wenn Ihr von der Band leben wollen würdet, dann müssten ja die Gagen...

Wolfi: ...dann müssten wir 20.000 Euro kriegen. Und das müsstest Du dann auch vier Mal im Monat haben. Da braucht keiner drüber nachdenken, des geht einfach nicht. Deswegen spielen ja auch viele in kleineren Bands. Dann spielst Du zu viert oder zu fünft irgendwo und dann kommst Du schon in die Gegend, dass Du öfters 1000 Euro kriegst.

Geist: ...bei vier Leuten ist das schon ein Geld. Bei 20 gerade mal für die Kaffeekasse...

Harro (2013)

Harro (2013)

Wolfi: Genau. Aber auch bei vier Leuten kannst Du in München immer noch nicht davon leben. Das ist klar. Da müsste man fünf mal die Woche spielen aber des kriegt man nicht hin.

Natürlich lehne ich langsam irgendwelche Anfragen für "Ihr könnt bei uns spielen, wir machen ein Sommerfest, und da kommen 600 Leute und die hören Euch alle und, naja, Geld kann es aber leider keins geben oder wir können gerade einmal eine Unkostenpauschale zahlen" ab. So was musst Du dann öfters absagen. Klar am Anfang hat man da gespielt, weil man sich gefreut hat, dass man überhaupt spielen konnte. Man hat nur fünf oder zehn mal im Jahr gespielt. Aber jetzt ist es so, wenn viele Anfragen kommen, die auch bezahlt sind, dann wird es für manche Sachen halt einfach schwieriger. Oder es ist wieder dieses Interesse da. Dann ist auch jemand schnell persönlich beleidigt, wenn die anderen für das was Du machen willst, nicht spielen wollen. Ich erinnere mich noch, dass ich für eine Demo für den Taksim Platz spielen wollte. Als wir in Istanbul spielten, waren wir auch im Gezi Park und deswegen hatte ich einen persönlichen Draht dazu. Es gab vor der Uni ein Zeltlager und wir haben da gespielt. Aber wir waren nur ganz wenige. Ich hab mich total geärgert, dass da nicht mehr Leute gekommen sind. Die wollten am Wochenende lieber bei der Familie bleiben. Aber es ist dann halt so.

Geist: Also auch in der Band muss man lernen, mit den anderen umzugehen.

Wolfi: Ja, das immer wieder. Ich glaube, dass es viele Leute in der Band gibt, die so gespalten sind wie ich. Viele sind realistisch, für die ist das ein Hobby und es ist ganz nett. Aber das macht es auch schwierig, verbindlich irgendwo zuzusagen. Wenn die Leute sagen, ja mei, in fünf Monaten, da kann ich noch nichts sagen. Klar weiß man nicht, was in fünf Monaten ist, aber man kann sich es in den Kalender schreiben und so behandeln wie einen Termin mit der Arbeit. Oder man sagt, ach es ist einfach total nett, und wenn aber eine Woche vorher meine Frau sagt, ich möchte da gerne ins Freibad mit den Kindern, ja dann geh ich halt ins Freibad. Das ist schwierig. Einerseits ist man sich klar darüber, dass die Band nicht der Mittelpunkt des Lebens ist, und andererseits hat man so einen künstlerischen Anspruch.

In Frankreich gibt es die Tradition der Kunststudenten - auch schon vor 50 Jahren - Kapellen, aber mehr so Jux-Kapellen zu gründen. Jede Klasse hat ihre eigene, jeder trötet dann. Man fährt auf ein Festival. Es können gar nicht alle spielen - wollen sie auch nicht - es ist ein totales sich besaufen. Die wenigsten von denen überlegen sich, ob sie bildender Künstler oder Musiker werden wollen. Das ist einfach eine Tradition.

Wir waren In Arles. Da wird natürlich ständig Pastis gesoffen. Am nächsten Morgen ist der eine Typ aufgewacht und hatte sein Tenorhorn mit einer Handschelle an die Hand gekettet. Ich weiß auch nicht, wie sie es wieder auf bekommen haben.

Geist: Ihr seid ja viel unterwegs. Man könnte den Eindruck gewinnen, man kennt Euch im Ausland besser als daheim.

Wolfi: Mehr kennen, soweit ist es noch nicht. Wobei, durch die ganzen Bands, die wir kennen. Wir haben da schon viele gute Freunde und die finden uns interessant. Da wären wir wieder bei diesem Zwitterwesen. Wir sind eben keine professionelle Brass Band aber unter diesen wie auch immer Banda Aperte Kollektiven, sind wir eins, das schon seinen eigenen Stil verfolgt. Und irgendwie merken die das.

Geist: Gibt es viele ähnliche Bands in Deutschland?

Neil spiel Banjo (2013)

Neil spiel Banjo (2013)

Wolfi: Es gibt natürlich in den letzten zehn Jahren immer mehr. Noch vor zehn Jahren waren es wenige. Zum Beispiel die „Mardi Gras.bb“ gibt es ja schon lang (seit 1992), die gibt es schon seit den Neunzigern. Diese Mannheimer mit dem Psychoflute. Die haben einen Sänger und machen so Südstaaten Zeugs. Ich glaub, der Tubaspieler ist eigentlich Mediziner. Die sind schon sehr professionell. Das sind viele Musikstudenten. Der Kern der Band, das sind Leute, die irgend etwas anderes gemacht haben. Das merkt man nicht, wenn man die hört. Die haben schon ein paar Sachen beeinflusst. Dann kam die „Young Blood Brass Band“. Es ist immer so, dass es irgendwie Bewegung im professionellen Lager gibt und dadurch gibt es dann auch viele nicht professionelle Bands. So eine gewisse Mode. Und es gibt jetzt natürlich viel mehr Brass Bands als vor zehn Jahren. Dann war da die „Top Dog Brass Band“ aus Dresden. Und wenn man so herum schaut, dann gibt es die irgendwas Brass Band. So große Kollektive gibt es auch und zwar viele, die es schon lange gibt. Etwa „Blech und Schwefel“ aus Kassel, „Schwarz Rot Atemgold 09“ aus Mitteldeutschland. Es gibt in Berlin irgendwas. Es gibt eine, die es schon endlos lang gibt in Hamburg, die auch schon in den Neunzigern gespielt haben. Die haben so einen Tätärä-Namen. Die machen viel mit dem Goetheinstitut.

Wie bei allem, wenn Du dich damit beschäftigst, dann... wenn Du eine Krankheit hast, dann haben alle diese Krankheit, wenn Du ein neues Instrument spielst, dann merkst Du plötzlich, alle spielen das. Aber es stimmt schon, die meisten Bands sind aus Frankreich oder Italien. Auch in Spanien gibt es viele Bands. Bei uns sind öfters Französische Bands da, weil das auch von den Wegen her leichter ist.

Geist: Ich hab so das Gefühl, dass es in Deutschland lange gebraucht hat, um so eine außergewöhnliche Musik zuzulassen. Du hast vorher schon einmal Jazz angesprochen und ich kenne Jazz mehr so als ein in sich abgeschlossenes, schon fast Snobistentum, das sagt, so hat Jazz auszusehen und davon weichen wir nicht ab. So wie ich das von früher von Punk Bands kenne. Da war es Gesetz, die haben dieses Instrumentarium, fertig aus. Als Anfang der Neunziger „Inpalumbia“ das erste Mal einen Bläser mit auf der Bühne hatte. Da gab es lautes Geschrei, Verräter an der reinen Lehre, das geht nun gar nicht. Und als er das erste Stück mitgespielt hat, hat man gemerkt, ui, des ist ja Musik. In der Folge kamen dann so Sachen wie „G.Rag“ oder die „Landlergschwister“.

Wolfi: Da wären wir bei diesen Genres. Ich wollte ursprünglich dieses New Orleans Zeug machen. Das gefällt mir immer noch. Also ich meine, „Hot Eight“ ist... aber da gab es in der Band durchaus andere Stimmen. Das war total laut gemischt und es ist ganz klar, dass es keine besonders vielfältige Musik ist. Aber da hat man mal erleben können, was diese Tradition hervorbringen kann. Es gibt viele Bands, die mehr auf Genauigkeit Wert legen. Aber dieser Druck, dass Du diese afrikanischen Elemente mit drinnen hast. Ich kann mir von keinen anderen Leuten vorstellen, dass ich - und da sind wir wieder beim Animieren - gesagt bekommen möchte, shake your body to the left, shake your body to the right, shake it to the one you like. Aber bei den Jungs war das einfach super super cool. Und das ist totaler Blödsinn.

Unsere Band hat so viele Einflüsse von so vielen Leuten. Natürlich ist das dann immer ein Kampf von Hierarchie und wer sich durchsetzt und was man macht. Weil es grundsätzlich keine Band ist, wie die angesprochenen Punk Bands oder ich kenne das von den „Poets“, bei Funk and Soul ist es genau das gleiche. Es muss das Instrumentarium sein, es muss so und so klingen. Ich hab diese Tendenzen schon auch. Ich kämpfe auch oft innerhalb der Band dagegen an, dass ich sag, ne, hört mal zu und überlegt Euch, wie es klingen kann und warum es so und so klingen soll. Nachdem es so viele Leute sind, kommen die mit ganz unterschiedlichen Ideen. Es gibt die Balkanfraktion, es gibt die „Sun Ra“ Freunde, es gibt „Fela Kuti“ und ich mit den New Orleans Sachen. Natürlich sind manche Sachen schwerer nachzumachen als andere. Es ist natürlich leichter, ein New Orleans Stück zu spielen, als wie das „Sun Ra Arkestra“ zu klingen.

Wolfi Schlick (2013)

Wolfi Schlick (2013)

Wenn man die „Hot Eight“ sieht und wie weit wir, egal was wir anstellen, von denen entfernt sind, kann ich mich auch an so was wagen, wie „Sun Ra“. Ich könnte auch versuchen, Mozart nach zu spielen und schauen, was dabei raus kommt. Ich hätte da kein Problem. Ich selber würde auch ganz gerne Bayerische Sachen spielen. Jetzt gar nicht so sehr bei uns, aber ich fände das lustig, wenn ich wo anders hingehe und wir würden mit dem Sound, den wir hinkriegen, irgendwelche Landler spielen. Leider hab ich da in der Band keine Hausmacht.

Deswegen finde ich das bei „G.Rag“ so großartig. Die Jungs kommen von was ganz was anderem her aber irgendwann überlegt man sich, des und des ist halt so und so cool. Man kann es doch nicht immer nur den anderen überlassen. Ich kann es ja nicht nur dem Fernsehen überlassen, die Musik, die es hier gegeben hat kaputt zu machen. Ich muss die doch selber mit kaputt machen dürfen. Das ist ein bisschen unser Pfund. Das ist unsere Stärke. Aber auch die Schwierigkeit, dass es nicht ein Master Mind gibt, der alles genau vorschreiben kann.

Eigentlich möchte ich von diesem klassischen Brass Band Sound schon wieder weg. Weil ich mir denke, jetzt gibt es so viele Brass Bands, ich bin lieber auf einen Festival und bin die Brass Band, die halt noch des und des macht.

Wenn ich schon mein Rock-Trio oder Quartett nicht auf die Beine stellen kann, weil ich es nicht auf die Reihe kriege, vielleicht kann ich wenigstens Teile davon in der Brass Band ausleben.

Ich möchte jetzt nicht den Eindruck vermitteln, dass ich mir ständig strategisch überlege, wo geht man hin und positioniert man sich. Sich aber gar nichts zu überlegen ist auch nicht mein Ding.

Geist: Das wäre dann auch eher Stillstand, wenn man sich gar nichts mehr überlegt. Wenn man sagt, wir treffen uns jeden Samstag, spielen die gleichen drei Lieder, ist doch fad?!

Wolfi: Genau, wir spielen viele Lieder, die wir schon seit 13 Jahren spielen. Etwa Radio Kabul war gleich am Anfang dabei und das spielen wir immer noch. Aber wenn ich es schon nicht schaffe, ständig neue Lieder zu machen, dann muss ich doch wenigstens die Lieder neu denken.

Geist: ... sich selbst interpretieren ...

Wolfi: Langfristig muss auch wieder jemand neues dazu kommen, weil es geht ja auch mal jemand. Sonst wäre das bald vorbei. Dann wäre es irgendwann nur noch ein Kaffeekränzchen.

Geist: Es wirkt noch nicht so, als ob es schon vorbei ist bei Euch.

Wolfi: Trikont macht natürlich großartige Werbung, und ist gut im Bemustern. Es gibt ja nicht mehr so viele kleine, unabhängige Firmen, und da ist Trikont ein Traum.

Geist: Trikont gibt es jetzt seit über 30 Jahren.

Wolfi: Was die für einen Katalog die auf die Beine gestellt haben, das finde ich großartig. Du bist als Münchner Band gerne bei dem Label, das den gesamten Valentin herausgebracht hat.

Geist: Bei Trikont merkt man, dass es nicht nur ums Geldverdienen, sondern vor allem um die Kunst, um das Besondere geht.

Wolfi: Natürlich brauchst Du ein Produkt, sonst gäbe es die nicht mehr. Die sind ja auch eine Firma. Das meine ich auch mit der Platte. Jetzt ist ein ganz anderes Interesse an uns da, als noch vor einem Jahr. Jetzt kann man sagen, man sieht wieder, wie mächtig der Markt ist oder wie die Sachen funktionieren. Es ist natürlich auch so, dass wir in dem letzten Jahr sehr viel mehr Energie hineingesteckt haben als davor. Man kann es also auch andersherum denken.

Geist: Je weniger man selber macht, umso weniger Interesse kommt auch von außen.

Fasching (2003)

Fasching (2003)

Wolfi: Und dann macht man halt mal mehr, dann kommt auch das Interesse von außen. Wenn es sich dann sozusagen marktwirtschaftlich manifestiert, in einem realen Gegenstand, dann ist das Interesse noch größer. Und man macht auch wieder mehr. Dann ist man wieder in der Schleife drin.

Schnell kommen dann Erwartungen daher, dass man sagt, das ist jetzt der Neil mit seiner Band. Das muss man abwägen. Wie viele Sachen, die man eigentlich ursprünglich machen wollte.

Wir haben vor zehn Jahren mal einen „Sun Ra“ Abend gemacht. Letztes oder vorletztes Jahr haben wir mit „Embryo“ zusammen auch einen „Sun Ra“ Abend im Rahmen vom Jazz Fest in der Black Box gemacht. Das will ich auch noch behalten. Ich will auf Festivals spielen können und dann finde ich es super, wenn man einen Frontmann oder mehrere hat und Party machen kann. Aber natürlich will ich weiterhin Sun Ra spielen und ich will weiterhin embryonesk Sachen, die der Christian (Burchard / Embryo) uns beigebracht hat, spielen.

Geist: Embryo ist noch einmal eine ganz andere Welt.

Wolfi: Aber da fühle ich mich verbunden, weil es um den Sound so sehr geht. Es geht immer um Sound und Du kannst ständig mit Leuten probieren, die nicht so gut spielen. Du musst einfach eine Art Klang haben von dem Du träumst. Und das ist das, was ursprünglich mal Jazz war. Und was mit dem Jazz, der akademisch vermittelt werden kann nicht mehr viel zu tun hat. Und dann sind wir bei Jazz als Weiterführung einer klassischen Art von Musik. Die Exegese findet so und so statt und alles andere sind Abweichler.

Daher finde ich „Inpalumbia“ auch cool, weil man sieht, das gibt es in jedem Genre. Kein Mensch würde Punk mit Jazz vergleichen. Also Jazz vergleicht man immer mit Klassik. Und Du würdest Punk an sich nicht mit Klassik vergleichen. Aber diese Aspekte sind so ähnlich.

Geist: ... aber Punk mit Jazz... es gibt ja Bands, die unter dem Label Jazz-Punk laufen. Womit dann erst einmal beide Seiten Schwierigkeiten haben. Der Punk sagt, ihr könnt da jetzt keinen Bruch rein machen, und der Jazzer sagt, das darf nicht so ein Krach sein. Und der Punk sagt, Dein Freejazz ist viel mehr Krach als der klare gerade Uffta-Punk.

Wolfi: Das ist dann auch immer irgendwie dem Markt geschuldet. Es gibt Bands, die werden erfolgreich. Meistens werden sie im Zuge, dass sie erfolgreich werden auch auf eine Art Stromlinienform hingebracht. Manche anderen schaffen es halt, mit was auch immer ...

Geist: ... da bin ich sehr gespannt auf „LaBrassBanda“. Die waren ursprünglich auch bei Trikont und sind jetzt zu einem Major Label gewechselt. Die kommen aus einer ähnlichen Szene wie ihr und haben sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen erarbeitet und starten jetzt durch. Das ist der spannende Moment, was macht das aus einer Band. Oder was macht die Band da draus.

Wolfi spielt auch Querflöte

Wolfi spielt auch Querflöte

Wolfi: Gerade bei der „Banda“ ist es ... das kann man nicht vergleichen. Auch wenn die „Banda“ das zunächst aus Spaß gemacht hat. Das sind die ausgebildetsten Musiker, die ich kenne. Zumindest die Bläser auf jeden Fall. Ein klassisches Studium und der Hofi lehrt am Mozarteum. Der Stafan hat mit Nürnbergern oder Bambergern oder sonst noch wo gespielt und er hat sich Im Orchester so gelangweilt, das er sich gedacht hat, damit kann ich mein Leben nicht verbringen. Es war klar, da treffen sich fünf Leute und die schauen erst mal, ob das überhaupt geht und dann geht natürlich alles viel schneller. Die können sofort spielen. Die sind auf einem ganz anderen Niveau. Dass sich da durch den Wechsel nochmal ganz schön was ändert, das ist auch klar. Das sieht man jetzt schon, wenn sie Vorband von den Ärzten sind. Plötzlich sind sie halt in diesem Business drin. Da wird dann nur noch geschachert sozusagen.

Aber mit der „Express Brass Band“, und das muss allen von vornherein klar gewesen sein, wir sind etwas ganz anderes.

Geist: Die brechen einfach noch einmal mehr auf. Wenn man es schafft mit Bayerisch angehauchter Blasmusik auf dem Roskile Festival die Menge zum Toben zu bringen, dann ist da was passiert.

Wolfi: Und wenn die Ärzte die so lustig finden, dass sie sagen, ihr macht jetzt die Vorband vor 35.000 Leuten.

Geist: Also mit einer Musik von der man vor zehn Jahren gesagt hätte, bleibt damit daheim...

Wolfi: War ja auch groß in der Presse dieses Jahr mit diesem Bayerntum. Also in der nicht bayerischen Presse.

Die „Bandas“ sind ja auch gute Freunde. Ich bin da auch sehr parteiisch, wenn man mit jedem von den Leuten sehr gut befreundet ist, dann ist es schwierig da eine Distanz zu halten. Ich glaube ich kann das trotzdem. Was ich beschreiben will, ist eigentlich das, was Du mit Roskilde so super gesagt hast. Es ist so cool. Es geht gar nicht darum, ob Du das jetzt magst oder nicht. Es geht einfach nur darum, anzuerkennen, was Du mit der Musik das erreichen kannst. Da kann ich trotzdem sagen, ja mei, des ist halt Bierzeltpunk und des ist genauso gemacht auf Utza Utza Utza. Es ist auf eine gewisse Art auch schon ausgerechnet, wie es funktioniert. Es hat nichts mehr von diesem anarchischen Beginn. Von dem ist doch mir wurscht, ich geht in die Disco, blas' in meine Trompete und lass halt einen Beatprogrammer nebenher laufen. Damit hat das nicht mehr viel zu tun. Aber die Tatsache, dass Du das schaffst, mit der Musik so viele Massen zu begeistern und so eine große Akzeptanz zu bekommen, das finde ich einfach großartig. Das zeigt auch, wie authentisch sie sind. Egal ob die jetzt aufgerieben werden und ob man irgendwann sagt, wenn man sich immer wieder wiederholt, was ist dann noch authentisch. Das zeigt halt, sie haben zur richtigen Zeit genau das richtige gemacht. Eine gute Ausbildung dahinter. Eine gute Mischung und sich nicht auf blödes Technikgefuzzel verlassen. Die haben auch den Traum-Frontman, den es überhaupt gibt. Ich mein, der Dettel stellt sich hat in Roskilde oder in der Olympiahalle hin und Du hast das Gefühl, er ist im Hinterzimmer vom Wirt ums Eck. Es ist dem wurscht, ob da 12.000 oder 50 vor der Bühne stehen. Und das ist das, was dann funktioniert.

Geist: Sie sind zur richtigen Zeit gekommen, können was und haben einen Drive, den andere Bands nicht haben.

Wolfi: Die Energie ist einfach der Hammer. Die kennt man sonst so nur von den alten Punkbands.

Geist: Ich hab die vor zwei, drei Jahren im Theatron gesehen. Und vom Theatron kenne ich das, dass da alle zwei, drei Jahre mal eine Band spielt, die so richtig mitreißt. Und dann kommen die auf die Bühne und das war vom ersten Moment an Party.

Wolfi: Sie wollten, dass wir einmal als Vorband vor ihnen spielen sollen, weil sie mit uns Silvester feiern wollten. Da waren sie halt in der Muffathalle und wir haben je ein Lied am Anfang und am Schluss gespielt. Danach kam „Shantel“, aber ohne Band, hat nur aufgelegt. Da haben „LaBrassBanda“ angefangen und die Leute haben im ersten Lied angefangen zu hüpfen. Die ganze Muffathalle. Wenn da jemand sagt, die sind vielleicht nicht vielseitig genug oder zu plump, dann denk ich mir, ja hallo. Wenn Du es vielseitiger willst, dann geh halt, keine Ahnung, zu...

Geist: Mit ihrer Art öffnen sie auch Türen.

Wolfi: Durch die „Banda“ ist die Szene, die es immer gab, angewachsen und in den Fokus der Medien gerückt. Kein Mensch hätte Interviews über so eine Band gemacht, und dann kommt die „Banda“. Nicht dass „G.Rag“ das nachmacht, die hätten das auch so gemacht. Oder waren das gar nicht „G.Rag“... das waren „Notwist“. Die haben mit einer Blaskapelle aus dem Allgäu was gemacht. „Notwist“ ist vom Land und der Vater ist auch Dixiemusiker. Das heißt, die hätten das sonst auch gemacht, die machen das nicht deswegen, weil es jetzt die „Landlergschwister“ und die „Banda“ gibt. Die machen das, weil sie ihr Leben und ihr Ding machen. Nur wenn es die „Banda“ und das nicht gegeben hätte, dann wäre das nicht durchs MUH oder die Zeitungen gegangen. Das MUH würde es gar nicht geben. Oder vielleicht als so ein selbst kopiertes Heft.

Geist: „Notwist“ ist eine sehr experimentierfreudige Band aus einem sehr experimentierfreudigen Umfeld. Mit Jazzern zusammen. „Notwist“ kamen ja eher aus der Noise-Punk-Ecke. Da gibt es auch so eine Szene mit vielen Bands und einer Hand voll Labels.

Wolfi: Man könnte sein Zeug bei irgendeinem Label oder einem Vertrieb unterbringen. Da stellt sich die Frage, wie sehr will ich selber gestalten. Das war bei uns schon auch die Diskussion. Für mich gab es keine Frage. Aber natürlich gab es innerhalb der Band Diskussionen, nanana, lasst uns das selber machen, dann sind wir ganz unabhängig. Dann kann man auch weiter vor sich hinsanteln. Ich glaube, solche Bestrebungen gab es immer.

Wenn man sich „Embryo“ und Schneeballrecords in den Siebzigern ansieht. Und dann mood records von Zweitausendeins. Es gab immer Labels der Musiker. Und dann wird das durch die Digitalisierung wieder ganz anders. Jeder macht eh sein Zeugs. Dann gibt es halt zum Schluss nur noch ein paar ganz große Majors.

„Notwist“ hätten auch zu einem Major gekonnt. Das wäre auch irgendwie gegangen. Aber so ist man eben viel unabhängiger. Man kann halt weiterbasteln, man muss sich nicht um irgendwas scheißen.

Geist: Aber man tut sich schwerer, wenn man davon leben will.

Wolfi: Man tut sich schwerer mit dem Davonleben. Andererseits, wenn Du bei einem Major bist, dann kannst du davon auch nur leben, wenn Du eine kleine Band. Das ist ja bei „Notwist“ auch so, dass ist nicht nur die Band haben. Da gibt es noch viel drumrum. Wie zum Beispiel „Console“. Mein Interessante an denen? Ich hatte ich vor etwa ein Schlüsselerlebnis. Der Micha hat dieses „Alien Ensemble“ mit so Jazzern zusammen. Mit Bassklarinette und er spielt Trompete und gar kein Solo. Die haben in der Glocke gespielt und da hab ich mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein, da kommt der Micha und redet nicht davon, dass er etwas Retro macht. Sondern sagt einfach, ich will mit Freunden die Musik spielen, die mich interessiert, die ich mit „Notwist“ nicht machen kann. Weil das komplett was anderes ist. Das war das erste Mal seit vielleicht 20 Jahren, wo ich eine Band gehört hab, die den Spirit von den Sixtiessachen hat. Ich dachte, Du machst die beste Retroband, indem du darauf verzichtest zu sagen, ich mach eine Retroband. Das ist der Micha. Und er spielt kein Solo. Kein Ego, volles Ensembledenken, Musikverwirklichung und besser als jeder andere von den Leuten, die irgendwie versuchen, Spiritjazz nach zu spielen. Das war meine große Liebe zum Micha.

An dieser Stelle wird Kaffee gereicht und das Diktiergerät ausgeschaltet. Mühelos hätten wir unser Gespräch noch über Stunden fortsetzen können. Das vielleicht ein anderes Mal.

Wem das noch nicht reicht: Auf mucbook.de gibts noch ein paar Extrafragen.

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