Soziales Pflichtjahr? Eine Betrachtung.

16.08.2018

Wehrpflicht für alle?

Aus Reihen der Union ist der Ruf nach einer Wehrpflicht für alle laut geworden. Der erste Reflex: Das geht ja wohl gar nicht.

Kurz innehalten, weiter lesen. Dann ist das von einer allgemeinen Dienstpflicht die Rede. Und da rentiert es sich schon, ein wenig weiter zu denken.

Kannst Du in 7 Monaten fürs ganze Leben lernen?

Kannst Du in 7 Monaten fürs ganze Leben lernen?

Zweifelsohne war ich - und bin es bis heute - kein Freund von Bundeswehr und Wehrpflicht. Eine allgemeine Verpflichtung, einen Dienst an der Gesellschaft zu verrichten, das hingegen kann eine ganz andere Qualität haben.

Ich werfe einen Blick auf meine eigenen Erfahrungen. Auf meine eigene Jugendzeit, auf die Situation heutiger Schulabgänger.

Also erst einmal 30 Jahre zurück. Die Wehrpflicht war Realität. Jeder junge Mann war aufgerufen, die vielleicht wichtigsten Monate seines Lebens hinter Kasernenmauern zu verbringen. Alternativ konnte verweigert werden und die Dienstpflicht in einer sozialen Einrichtung abgeleistet werden.

Generationen sahen diese Zeit als übergriffige Einmischung des Staates in die persönliche Lebensplanung ein.

Doch war das wirklich so?

Ich für meinen Teil kann sagen, der Zivildienst war das Beste, was mir nach der Schule hat passieren können. Nach 14 Jahren Schule und büffeln für das Abitur, ich hatte doch gar keine Ahnung vom richtigen Leben. Hätte man mich gefragt, was ich denn jetzt machen möchte, also direkt nach dem Abitur und das dann für die nächsten 40 Jahre, ich hätte mit den Schultern gezuckt. Keine Ahnung, aber so was von.

Das einzige, was klar war, zur Bundeswehr gehe ich nicht. Es folgte der Zivildienst. 20 Monate in einem Kindergarten. 20 Monate, in denen ich Zeit hatte, mir das Leben anzusehen. Ohne Leistungsdruck. Danach war mir klar, was ich machen möchte und was nicht. Mit dem Selbstbewusstsein, 20 Monate sinnvolle Arbeit geleistet zu haben, konnte ich zielgerichtet mein eigenes Leben in Angriff nehmen. Ich möchte diese 20 Monate nicht missen.

Selbst von Leuten, die beim Bund gewesen sind, habe ich oft ähnliches gehört. Auch wenn die Zeit gemeinhin als nicht ganz so sinnvoll wahrgenommen worden ist.

Zurück in die Gegenwart. Auch heute werden junge Leute aus der Schule entlassen, die so gar keinen Plan haben, wie es weiter gehen soll. Die ihre Interessen nicht kennen, die schlicht damit überfordert sind, sich auf einen Weg festzulegen.

Einige von ihnen probieren sich in einer schnell gewählten Lehre, andere greifen nach dem nächstbesten Studiengang. Nicht wenige bereuen ihre Wahl nach kurzer Zeit. Lehre geschmissen, Studium abgebrochen. Es folgt eine Zeit der Unsicherheit und des Suchens.

Einige, wenige versuchen sich in einem freiwilligen sozialen Jahr oder leisten den Bundesfreiwilligendienst. Die wenigsten bereuen diesen Schritt. Gesellschaftliche Anerkennung hingegen erfahren sie dabei eher selten. Die Erfahrung kann ihnen niemand mehr nehmen.

Betrachtet man ein verpflichtendes Jahr für alle vor diesem Hintergrund, dann erscheint diese Forderung in einem etwas anderem Licht. Jungen Leuten wird die Möglichkeit gegeben, sich in einem relativ geschützten Raum ohne Leistungsdruck auszuprobieren und zu orientieren.

Ich sehe einen weitere positiven Aspekt. Bevor sich Karrieristen in ihr BWL Studium verabschieden und gedrillt werden, größtmöglichen Schaden an Staat und Gesellschaft anzurichten, wären sie gezwungen, sich mit den Auswirkungen ihres späteren Berufslebens auseinander zu setzen. Denn wer gesehen hat, wie dreckig es manchen Leuten geht, die auf einen windigen Finanzberater hereingefallen sind, wird vielleicht gar kein windiger Finanzberater.

Auch wenn es mir schwer fällt, ich kann sogar der Wahlfreiheit zwischen Bundeswehr und einem Dienst an der Gesellschaft etwas abgewinnen. Wenn sich die Bundeswehr wieder aus einem repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft speiste, wäre ihre Anfälligkeit für rechtsextreme Umtriebe lange nicht so hoch wie heute.

Das gebe ich zu bedenken, wenn der Reflex sagt, diese Idee, geboren in konservativen Köpfen, muss mit aller Macht verhindert werden.

Nachtrag: Auch andere kluge Köpfe üben sich in ideologiefreier Betrachtung.
Etwa Heribert Prantl: Das soziale Pflichtjahr ist gut

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