Occupy paradoxify

Von der Unmöglichkeit zur Veränderung

15.10.2011

Während der Intellekt realisiert, dass es höchste Zeit für Umdenken und Veränderung ist, macht uns die Gewonheit einen Strich durch die Rechnung.

Voruteile möchten gepflegt, Trägheit bedient werden. Und so bleibt alles beim Alten. Ist auch besser so?

Für Samstag, den 15. Oktober wurde weltweit zu Protesten gegen den entfesselten Kapitalismus aufgerufen.

Die Organisatoren in München hatten eine kleine Bitte formuliert: "Um zu gewährleisten, dass es zu keinen Interessenskonflikten kommt, möchten wir euch bitten, keine politischen Abzeichen mitzubringen."

Auf Facebook ist spontan eine wilde Diskussion entbrannt, die ich, gelinde gesagt, zum Kotzen finde. Da wird gegen die Linke polemisiert, die ganze Aktion als "Bionade Protest" diskreditiert und abgesteckt, wie links jemand sein darf, um an den Protesten teilnehmen zu dürfen. Erstmal Fronten aufbauen, Gesinnung testen, ausgrenzen und Vorurteile pflegen.

Prima, ich bin stolz auf Euch. Ihr braucht den Kapitalismus gar nicht um Euch zu empören. Ihr habt genug damit zu tun, Euch selbst zu bekämpfen. Es geht ja schließlich nicht um eine Sache, sondern um die eigenen Befindlichkeiten und Borniertheiten.

So gehe ich denn, schon ein wenig desillusioniert, zur Veranstaltung. Und bin im ersten Moment positiv überrascht. Alle haben sich an die Bitte gehalten. Alle? Nein. War ja blos eine Bitte. Der muß man ja nicht unbedingt nachkommen. Hier eine kleine "Die Piraten"-Fahne, dort eine "Die Linke". Und einige von Attac. Sie könnens einfach nicht lassen.

Zur Ehrenrettung sei noch folgendes angeführt: Nach Hinweis auf die erwähnte Bitte sind die Linke- und Piraten-Fahnen schnell verschwunden. Die von Attac ...

Eigentlich wollte ich mich über ganz was anderes auslassen. Über die Unmöglichkeit zur Veränderung.

Da scheint mir die Gesellschaft, nein, jeder Einzelne in seinem eigenen Paradox gefangen. Rational werden die großen Probleme diese Welt erfasst. Es wird diskutiert und angeprangert, Schuld wird zugewiesen und Veränderung angemahnt. Es wird erkannt, dass die Monopole ein Problem darstellen, dass die Umweltverschmutzung zur Klimakatastrophe führt. Man sieht das marode Gesundheitswesen, die ausgebeutete Kassiererin an der Supermarktkasse. Man empört sich über die Abzocke von Banken und Versicherungen.

Und dann?

Bislang hatte noch jeder, den ich gefragt habe, warum er mit dem Auto fährt, einen zwingenden Grund, warum gerade er mit dem Auto fahren muß.

Bislang hatte noch jeder, den ich gefragt habe, warum er sich dem Monopolisten Microsoft ausliefert, einen zwingenden Grund, warum er sich von Windows knechten lassen muß.

Jeder hat für sich eine unumstößliche Begründung, warum gerade er sich nicht ändern muß. Jeder hat ein reines Gewissen, weil es gibt ja immer einen guten Grund, nichts zu machen.

Das iPhone ist halt um soooo vieles bedienerfreundlich, als die Konkurrenz. Das Antibiotikum vom Onkel Doktor zu schlucken ist halt sooo viel einfacher als der Gang zum Homöopathen. Der Supermarkt ist halt soo viel billiger als der Biomarkt. Und um die Ecke. Und für die Altersvorsorge will halt gesorgt sein und da bieten sich eben Aktien-Fonds und Riester-Renten an.

Und während ich mich so ereifere... steck ich plötzlich auch in so einem Paradoxon fest. Hab ich noch vor kurzem groß getönt, den Stromanbieter zu wechseln. Weil dieser ordentlich am Atomgeschäft mitverdient. Jetzt muß ich jetzt feststellen, dass ich gar nicht wechseln kann. Hab ich doch Nachtspeicheröfen in der Bude und die lechtzen nun mal nach dem "billigen" Atomstrom. Kann ich nichts machen. Tut mir leid. Alternative Stromanbieter bieten keinen Nachtstrom. Bin ich fein raus. Würd ja gern, kann aber nicht.

Doch halt. Wer schreibt mir vor, dass ich die Nachtspeicheröfen benutzen muß? Niemand. Außer meine eigene Trägheit. Also Arsch hoch und nach Alternativen gesucht. Werde mich heute noch drum kümmern, dass dieser Winter mit einem Holzofen erträglich gemacht wird.

Wenn wir uns nicht ändern, die anderen werdens nicht für uns machen.

In diesem Sinne.

Geist

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