Klinik Misere und Schock Strategie

Klinik Bogenhausen
11.06.2014

Den Münchner Kliniken geht es schlecht. Also finanziell.

Nicht, dass es den Münchner Kliniken in den letzten 10, 20 Jahren irgendwann einmal gut gegangen wäre. Das nicht.

Doch jetzt liegt ein Sanierungskonzept der Boston Consulting Group vor, deren Nutzen für die Allgemeinheit sehr zu bezweifeln ist.

Zu befürchten steht, dass dieses Konzept dank der aktuellen Mehrheitsverhältnisse im Münchner Stadtrat einfach durchgewunken wird.

Die zukünftigen Patienten werden darunter zu leiden haben.

Zur Situation der Münchner Kliniken

Das Städtische Münchner Klinikum, bestehend aus den fünf Häusern in Schwabing, Bogenhausen, Neuperlach, Harlaching und Thalkirchen, leidet seit Jahren unter Überbürokratisierung, Missmanagement und veralteter Infrastruktur. Nichtzuletzt ist die Bausubstanz mitunter so marode, dass größere und kostenintensive Sanierungsarbeiten unabdingbar sind.

Gelegentlich wurden Probleme durch die Presse an die Oberfläche gespült. Etwa der Hygieneskandal und das damit zusammenhängende etwas ungeschickte Kriesenmanagement von Hep Monatzeder. Auf solide Beine konnten die Kliniken nicht gestellt werden.

McKinsey

Seit geraumer Zeit versucht Stadt und Klinikleitung der finanziellen Probleme mithilfe von Unternehmensberatungen Herr zu werden. McKinsey hat die Misere ganz offenbar nicht in den Griff bekommen. Die Situation ist mittlerweile so verfahren und dramatisch, dass von Insolvenz und von Schließung einzelner Standorte die Rede ist.

Boston Consulting Group

Nachdem McKinsey also hunderttausende, wenn nicht mehrere Millionen Euro erfolglos verbraten hat, übernimmt nun eine andere Unternehmensberatung das Geschäft. Die Boston Consulting Group (BCG) hat nun also ein "Sanierungskonzept StKM" erstellt, mit dem die vier Standorte des Münchner Klinikums gerettet werden sollen.

Nach einiger Recherche ist es zwar nicht gelungen, die Kosten für diese neuerliche Wirtschaftsberatung zu Tage zu fördern, dafür wenigstens eine Presseerklärung des Städtischen Klinikums samt einem Auszug aus dem Sanierungskonzept. Und dieser Auszug empfiehlt sich genauer betrachtet zu werden.

Bettendichte

In den Münchner Kliniken sollen bis zu 800 Betten abgebaut werden. In München gäbe es ein Überangebot an Klinikbetten und wo es ein Überangebot gibt, gibt es auch Einsparungspotential.

In dem Konzept wird lediglich ein quantitativer Vergleich mit anderen Deutschen Großstädten bemüht. Weder ist von einer Bedarfserhebung, noch von einer qualitativen Untersuchung die Rede. Auch ist in keiner Weise erwähnt, dass zu erwarten ist, dass Münchens Einwohnerzahl auch in den nächsten Jahren eher steigen denn zurückgehen wird.

Wie kommt also BCG zu dem Ergebnis, es gäbe zu viele Betten, die abgebaut werden müssen? Durch eine einfache Milchmädchenrechnung: Man fragt in allen Kliniken innerhalb der Stadtgrenzen nach leeren Betten und, voila, man hat eine Menge x überflüssiger Betten. Einer Unternehmensberatung reicht das als Argument. Der Realität hält dieses Vorgehen jedoch nicht stand. Hier werden Äpfel und Birnen in einen Topf geschmissen.

Während sich vor allem spezialisierte Privatkliniken lukrative Patienten aussuchen, müssen die Städtischen Kliniken alle Patienten aufnehmen. Wenn also eine Privatklinik leere Betten aufweist, weil vielleicht gerade zu wenige Kniegelenke ausgetauscht werden müssen oder sommerbedingt zu wenige Skiunfälle zu behandeln sind, heisst das noch lange nicht, dass deswegen auch weniger Notfallpatienten in den Städtischen Häusern aufgenommen werden müssen.

Klinikum Bogenhausen

Klinikum Bogenhausen

Fahrzeiten

Das BCG Gutachten bemängelt die aufwändige maximalmedizinische Einrichtung aller vier großen Städtischen Kliniken. Von Fahrzeiten zwischen 15 bis maximal 30 Minuten zwischen einzelnen Krankenhäusern die Rede, so dass kostenintensive Abteilungen nicht in allen Häusern vorgehalten werden müssten. Wer die Münchner Verkehrsverhältnisse kennt, weiß, dass diese Fahrzeiten utopisch und bestenfalls mitten in der Nacht wenn kein Mensch auf der Straße ist, zu erzielen sind. Tritt ein Notfall während einer OP oder in personell schwach Besetzten Zeiten auf... ich möchte den Sanitäter oder Arzt sehen, der mit einem offenen Brustkorb über den mittleren Ring heizen möchte.

Personalabbau

Wenn eine Unternehmensberatung eingeschaltet wird, dann bedeutet das in der Regel vor allem eins: Stellenabbau. So empfiehlt auch das Gutachten der Boston Consulting Group eine Personaleinsparung von 23% vor. Zwar wird groß ausgebreitet, dass dieser Personalabbau sozialverträglich erfolgen soll, doch lehrt die Erfahrung, dass dies für gewöhnlich Wunschdenken bleibt. Der Presseerklärung des Klinikum München ist denn auch direkt zu entnehmen, dass "als Ultima Ratio [...] betriebsbedingte Kündigungen nichtausgeschlossen werden" dürfen.

Ganz abgesehen davon, dass das Pflegepersonal schon jetzt unter permanenter Unterbesetzung leidet. Aber Qualität ist eben nicht Sache einer Unternehmensberatung.

Die Schock Strategie

Während nun also der öffentliche Kliniksektor mit fragwürdigen Methoden gesundgeschrumpft werden soll, stehen private Investoren bereit, sich die größten Stücke des Kuchens zu sichern.

Angesichts der dramatischen und nicht wegzudiskutierenden Schieflage des Münchner Klinikums ist es für den Katastrophenkapitalismus in Form der Boston Consulting Group ein Leichtes, ein Konzept als alternativlos zu verkaufen, dass in normalen Zeiten als katastrophaler Unsinn abgetan werden würde. Das gesamte Konzept hat nur ein Ziel: Zurückfahren der öffentlichen Klinikversorgung zugunsten einer privatwirtschaftlichen Expansion.

Der BCG ist bewußt, dass eine sofortige Schliessung der Münchner Kliniken nicht durchsetzbar ist. Letztlich werden die Kliniken sogar gebraucht, um die nicht gewinnversprechenden Bereiche der Notfallversorgung sicher zu stellen. So lässt sich zwar mit dem Einsetzen von Endoprothesen, etwa Hüftgelenken, gutes Geld verdienen, nicht jedoch mit der langwierigen und kostenintensiven Versorgung, wenn es zu Komplikationen kommt. Will heissen das Geld wird in spezialisierten Privatkrankenhäusern abgeschöpft und die Kosten werden auf die Städtischen Krankenhäuser abgewälzt.

Dermatologische Klinik an der Thalkirchener Straße

Ein nicht zu vernachlässigender Nebenaspekt: Die Städtischen Kliniken befinden sich auf Städtischen Grundstücken. Und diese Grundstücke befinden sich in bester Lage. Private Investoren reiben sich die Hände, wenn Häuser zurückgefahren oder geschlossen werden und die Grundstücke zur Deckung der Sanierungskosten veräußert werden müssen.

Hier ist es bezeichnend, dass in der Presseerklärung des Klinikums lediglich in einem Nebensatz erwähnt wird, dass die dermatologische Klinik an der Thalkirchner Straße nach Neuperlach umziehen soll. Im Klartext heisst das, die Klinik wird geschlossen, das Areal steht zum Verkauf.

Dilemma des Stadtrats

Dilemma ist in diesem Zusammenhang nicht ganz richtig, denn: Das Konzept der BCG ist im Auftrag des rot-grün dominierten Stadtrates der letzten Jahrzehnte entstanden. Der jetzt schwarz-rot dominierte Stadtrat tut sich leicht, das Konzept einfach durchzuwinken. Der CSU kommt die neoliberale Ausrichtung gerade gelegen. Und die Grünen? Nun die werden schlecht gegen ein Konzept stimmen können, dass sie selbst mitinitiiert haben.

Die verbleibende Opposition hat weder Zeit noch Mittel, um einen tragfähigen Gegenentwurf auf die Beine zu stellen. Bleibt das Bürgerengagement, um durch Aufklärung und Aktionen auf die Misere und den Stadtrat sozusagen außerparlamentarisch auf seine Pflicht zum Handeln für das Gemeinwohl hinzuweisen.

In diesem Sinne:

Gesundheitssorge darf nicht dem Profit geopfert werden!

comments powered by Disqus

Energie

Der Sylvensteinspeicher und der Kirchturm von Fall

sylvenstein-staumauer

Der Speichersee ist geplant abgelassen worden, um eine notwendige Nachrüstung des Staudamms zu ermöglichen.

Ein willkommener Anlass, mal nach dem Rechten zu sehen.

Dabei lässt sich obendrein vortrefflich mit einem alten Mythos abrechnen.

A ? B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z