Kapitalismus und Stabilität

Ein kleiner Disput auf Facebook

24.07.2016

Bis vor kurzem hatte ich das Gefühl, diktatorisch, despotische Regimes wären ein Auslaufmodell. Weil man gemerkt hat, dass sie neben den demokratisch, kapitalistischen Systemen die ganz klar schlechtere Alternative seien.
So kann man sich von seinem Gefühl täuschen lassen...

Thomas: 
Ist die amerikanische Grundformel "Kapitalismus = Demokratie" nicht doch ein wenig zu einfach?

Andreas:
Das mit der Demokratie neigt sich dem Ende zu. In einigen Jahrzehnten wird Demokratie nur eine Episode in der Entwicklung des Kapitalismus gewesen sein. Die "amerikanische Formel", die eigentlich eine westeuropäische ist, wird durch eine alternative Erzählung abgelöst. Kapitalismus benötigt Stabilität im Inneren und harte Hand. Demokratie ist ein nutzloser, und wenig effektiver Luxus. Ich nenne das einstweilen mal: Die chinesische Formel.

Christian:
Prinzipiell sind Demokratie und Kapitalismus natürlich zwei Dinge, die nicht wirklich was miteinander zu tun haben. In einer Demokratie kann es einen Kapitalismus geben, ebenso wie in einer Diktatur. Das ist dem Kapitalismus reichlich wurscht, welches politische System unter ihm dient. Eine "harte Hand" ist dem Kapitalismus dabei wahrscheinlich dienlicher, als eine starke Zivilgesellschaft, die sich nicht alles gefallen lässt. Eine Stabilität hingegen ist eher Nebensache. Der Kapitalismus freut sich über Kriege und Katastrophen aller Art. Der Kapitalismus freut sich über Zerstörung, wenn er die Zerstörungsmittel liefern kann und der Kapitalismus freut sich über Wiederaufbau, weil er daran verdient.

Andreas:
Ich schrieb absichtlich: Stabilität im Inneren. Die ist durchaus wichtig und entsprechend ein Standortvorteil. Und damit ist nicht nur die Abwesenheit von Aufständen gemeint, sondern auch die Stabilität und Pflege einer verlässlichen Rechtsordnung. Vertragsbedingungen und Marktgeschehen müssen schon abgesichert werden.

Andreas:
Übrigens: Kapitalismus "freut" sich über gar nichts. Und ihn ärgert auch nichts.

Thomas:
Dann sollte der aber mal zum Psychologen gehen, der arme Tropf. So ganz ohne Emotion ist das ja eine traurige Existenz.

Andreas:
Das ist sozusagen der Witz. Er ist keine Existenz.

Christian:
Wobei ich hier doch unterscheiden möchte: Die Wirtschaft hätte gerne eine Stabilität, weil die ja mit tatsächlichen Werten arbeitet. Also ganz gerne nicht enteignet oder weggebombt werden möchte. Der Kapitalismus besteht ja mittlerweile vorwiegend aus virtuellen Kapitalströmen und die strömen unabhängig von Stabilität.

Andreas:
Aber nein. Für alles investierte Kapital wird eine Abwägung vorgenommen. Risiko versus erwartete Rendite. Wird das Risiko zu hoch, flieht das scheue Reh woanders hin. Übrigens gerade Finanzkapital (das nämlich viel mobiler, aber deswegen natürlich nicht weniger real ist, als Stahlwerke oder Chipfabriken oder Hochschulen)

Christian:
In einer globalisierten Welt wird sich das Kapital nicht lange mit einer lokalen, nationalen oder eben einer inneren Stabilität aufhalten.
Ist die "innere Stabilität" etwa aufgrund von Bürgerkrieg nicht gegeben, dann werden dort eben keine Autos, sondern Waffen hin verkauft. Gerade für das Waffengeschäft ist eine "innere Stabilität" eher ganz schlecht.
Auch die eher klassische "Risiko versus erwartete Rendite" Rechnung wird in einer globalisierten Welt zur Nebensache. Denn wenn an anderer Stelle mehr Rendite winkt, kann hier das Risiko noch so gering sein, das Kapital wird abwandern.

Andreas:
Der Verkauf von Waren, also Waffenrxport zb. hat nun allerdings überhaupt nichts mit Kapitalinvestitionen zu tun. Die Frage ist nicht, ob Autos nach Syrien exportiert werden (oder Panzer), sondern, wohin das Kapital investiert wurde, um sie zu produzieren. Anders gesagt: Hieltest Du es für eine gelungene Investition, heute für 35 Millionen Euro eine Panzerfabtik in Aleppo zu errichten?

Christian:
Das Bild mit dem "scheuen Reh" wird übrigens vorwiegend dann heran gezogen, wenn den Arbeitnehmern Angst vor Arbeitslosigkeit gemacht werden soll.
Um etwa Lohnforderungen oder Mitbestimmungsanliegen abzuschmettern.
Kapital flieht nicht. Kapital wird abgezogen und fließt wo anders hin... wenn sich Kapital nicht freuen und nicht ärgern kann, dann wird es wohl auch kaum fliehen.

Christian:
Aleppo ist jetzt schon etwas extrem. Ich kann mir allerdings einige Geschäfte vorstellen, bei denen gerade jetzt eine Investition in der Türkei interessant zu werden beginnt. Gerade weil dort die Stabilität ein wenig ins Wanken geraten ist.

Andreas:
Das ist noch offen, was mit der Türkei passiert. Auch denkbar, dass Erdogan ausländisches Kapital vulgo "ausländischen Einfluss" beschränken wollen wird. Das sehen wir dann ja aber bald.

Christian:
Allerdings finde ich - bezüglich meines ursprünglichen Posts - dass die Türkei auf dem Weg zu einem "diktatorisch, despotischen Regimes" schon ganz schön weit voran gekommen ist.

Andreas:
Klar. Das auf alle Fälle. Wird also stabiler.

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obikepest

obikepest

obikepest

Kann sein, dass ich völlig auf dem Holzweg bin, dass ich jemandem fürchterlich Unrecht tue, aber meine Gedanken sind jetzt einfach los getrabt und lassen sich so einfach nicht einfangen.

Stand ja auch so viel in der Zeitung zum Thema... und ich mich echt lange mit einem Kommentar zurückgehalten habe, wollte sie ja nicht auch noch beflügeln, diese o-Bike-Pest.

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