Inflation der Petition

unterschreiben-gegen-pegida
30.12.2014

Mit der vermeintlichen Werbung für die Gute Sache in Form der Online-Petition erweist manch engagiert-empörter Mitmensch der wirklich Guten Sache einen Bärendienst.

Während Pegida die Straßen unsicher macht und seine hässliche Fratze Montag für Montag in die Nachrichten streckt, versucht die verunsicherte Generation Facebook den Mob mit massenhaften Klicks in die Schranken zu weisen.

Petitionen sind eine im Grundgesetz verankerte Möglichkeit, mit der sich der Bürger und die Bürgerin in den Parlamenten Gehör verschaffen können. Die Parlamente müssen sich damit befassen.

Findet eine Petition großen Rückhalt in der Gesellschaft - etwa durch 50.000 oder mehr Unterstützerunterschriften -, dann wird das Anliegen im Petitionsausschuss öffentlich behandelt und der Petent bekommt Rederecht.

In der alten Zeit, also vor dem Internet, war es recht mühsam, Unterschriften zusammen zu bekommen. Entsprechend selten wurden Petitionen öffentlich behandelt. Es war jeweils schon ein Achtungserfolg, mit einem riesigenen Stapel Unterschriftenlisten vor dem jeweiligen Parlament aufzutauchen und die Petition möglichst öffentlichkeitswirksam zu übergeben.

Heute ist das Verfahren durch das Internet und die Online-Petition ungleich einfacher. Leider wird das Mittel der Petition mittlerweile sehr inflationär genutzt.

Für jedem Scheiß wird eine Petition ins Leben gerufen.

Ein peinlicher Moderator soll aus dem Fernsehen verbannt werden, das Fernsehprogramm geändert oder ein Nachwuchskünstler will aus einem Knebelvertrag befreit werden (hätte er mal vorher das Kleingedruckte gelesen, aber das kann man wohl von der Generation WhatsApp nicht erwarten?!).

Manche dieser Petitionen haben noch einen gewissen Unterhaltungswert, andere sind lediglich ärgerlich.

Leider muss ich feststellen, dass die Online-Petition auch missbraucht wird, um vermeintlich Werbung für eine gute Sache zu machen. Als Beispiel sei hier "Für ein buntes Deutschland - eine Million Unterschriften gegen Pegida!" angeführt.

Warum spreche ich von Missbrauch?

Das berechtigte Anliegen, ein Zeichen gegen Rassismus und Dummheit setzen zu wollen, ist im Kern ein sehr ehrenvolles. Allerdings nicht in Form einer Petition, die sich an ganz Deutschland richtet.

An welches Parlament?

Wie eingangs erwähnt ist die Petition ein Mittel, um ein Anliegen in die Parlamente zu tragen. Dort kann der Eingabe gegebenenfalls durch die Gesetzgebung Rechnung gezollt werden.

"Für ein buntes Deutschland" richtet sich jedoch nicht an ein Parlament, sondern an ganz Deutschland:

Der Petent stellt selbst fest, dass Pegida nicht durch Gesetze geregelt, vulgo verboten oder aus der Welt geschafft werden kann. Was will die Petition also erreichen, was nicht auf anderen Wegen besser und sinnvoller erreicht werden kann?

12.000 Menschen - wie in München - auf der Straße, die sind sichtbar, die werden wahr genommen, über die berichtet auch die Presse.

200.000 Unterschriften im Internet, die sieht niemand, über die wird nicht berichtet, die bewegen gar nichts.

Ein Klick und weg

Fatal ist hier auch die Klickempörung, die wie eine Epidemie um sich greift. Ein "Like", ein "Teilen" oder eine Unterschrift und schon hat das einfache Gemüt das Gefühl, weltbewegendes geschafft zu haben. Konkretes Einmischen, auf die Straße gehen oder Handeln. Wieso? Ich habe doch schon auf "Like" geklickt. Und Menschen in Krisengebieten freuen sich über "Likes" sicher genau so wie über Spenden...

Der eigene Saft

Wenn nun der Aufruf zur Unterstützung über soziale Netzwerke verbreitet wird, dann erreicht er in der Regel lediglich die Personen, die dem Inhalt sowieso positiv gegenüber stehen. Sollte wirklich ein eingefleischter Pegidianer auf die Petition stoßen, ist er entweder nicht in der Lage, deren Inhalt zu verstehen oder er lacht sich eins, wenn er sieht, dass sich der Petent mit gewünschten 1 Millionen Unterschriften offenbar maßlos überschätzt hat.

Werbung für die gute Sache

Als Werbung für die Gute Sache kann ich das also nicht stehen lassen, denn ich bin vielmehr davon überzeugt, dass der Missbrauch der Online-Petition der Guten Sache einen Bärendienst erweist.

Liebend gerne würde ich jetzt einen "Selber Denken"-Aufruf anfügen. Allerdings ist die "Selber Denken"-Floskel ebenfalls dank inflationären Gebrauchs ganz schön abgenutzt...

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