Handelsblatt: Blockchain - die stille Revolution

22.05.2018

"Bitcoin-Bürgerkrieg" - "Bitcoin-Jesus" - Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Bis dato ist das Thema Bitcoin noch eher ein Nischenthema für Nerds und Krypto-Pioniere. Understatement ist offenbar nicht das Thema der Szene.

Der Lobgesang im Handelsblatt jedenfalls strotzt vor Superlativen, die eine Neue Welt Ordnung herbei beten. Doch lasst uns zwischen den Zeilen lesen...

"Im Grunde verfolgt er einen sanften Anarchismus"
Selten so einen Blödsinn gelesen. Anarchismus hat schließlich immer etwas mit Basisdemokratie zu tun. Eine Technik, die nur sehr wenige verstehen, hat nun einmal recht wenig mit Basis und Demokratie zu tun. Das ginge eher in die Richtung Herrschaft der Wissenden. Da wird dann die Herrschaft des Kapitals von der Herrschaft der Programmierer abgelöst. Ja, oder von denen die das Kapital haben, um Blockchains herstellen zu können... äh, da wären wir dann wieder im bekannten, kapitalistischen Spektrum.

Ein paar Zeilen weiter ist zu lesen: "Die Macht im Netzwerk soll sich nicht mehr danach bemessen, wer die größte Rechnerleistung vorhält, sondern daran, wer die meisten virtuellen Münzen besitzt". Bäm, nichts mehr mit Anarchismus. Mehr so ein Armdrücken derer, die die Produktionsmittel besitzen mit denen, die das Kapital besitzen. Sozusagen Firmen gegen Banker. Ein Klassenkampf innerhalb der Klasse der Kapitalisten. Sollen sie doch machen, möchte man sagen, bringt uns Popkorn. Erfahrungsgemäß fällt uns das aber auf die Füße. Sei es, weil dabei Unmengen an Geld verbraten wird (Stichwort Bankenrettung), für das die Gesellschaft dann wieder gerade stehen muss. Oder sei es, weil die Herstellung der virtuellen Währung die Ressourcen unseres Planeten schneller auffrisst, als es Industrialisierung und Automobilisierung zusammen gekonnt haben.

Und während man sich noch verwundert die Augen reibt, was jetzt so ein abgehobenes Spielzeug von Kapitalisten und Nerds mit der eigenen Lebensrealität zu tun hat, kommt schon der nächste Witzbold um die Ecke. Der Markt, der ja angeblich alles von alleine, also wie von Zauberhand, für alle jederzeit zum Besten... also regelt, der regelt hier offenbar mal wieder gar nichts. Und immer wenn der Markt versagt, also nicht von alleine ordentlich Geld in die Kassen der Kapitalisten spült, kommt der Ruf nach dem Staat:
"Henning Kagermann, Ex-SAP-Chef und Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, [...] fordert von der Bundesregierung eine 'breit angelegte Strategie'"

Letztens hat mir jemand erzählt, dass Transaktionen mit Bitcoin schon recht schnell gingen. Also je nachdem wieviel man bereit ist, für eine Transaktion auszugeben. Jetzt muss ich lesen, dass sich
"mit Bitcoin [...] weltweit nur rund sieben Transaktionen pro Sekunde bewältigen" lassen. Weltweit? Ehrlich? Da tätigt doch jeder Supermarkt mit mehr als zwei Kassen bald mehr Transaktionen.

Und ganz nebenbei, so lange diese Blockchain Währungen so hochspekulativ sind, wie das die letzten Monate waren, wer würde im Ernst seine Frühstückssemmeln damit bezahlen wollen? Nicht wissend, ob man sich mit den paar Kröten nicht am nächsten Morgen ein ganzes Haus wird kaufen können. Und welcher Bäcker würde Bitcoin nehmen, wenn er damit zu rechnen hat, dass die Einnahmen bereits nur mehr die Hälfte wert sind, wenn er sie zu Ausgaben macht?

Der beruhigende Satz jedoch steht bereits ganz am Anfang des Artikels: "Die Blockchain-Technologie wird die Finanzbranche umkrempeln wie der Elektroantrieb die Autoindustrie". Wenn dem so ist, dann müssen wir frühestens in etwa 200 Jahren damit rechnen, dass der Bitcoin beginnt, gesellschaftliche Relevanz zu erlangen. Ist doch das Automobil mit Elektromotor um einiges älter (1830) als Fahrzeuge mit Ottomotor (1876).

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