Geiz ist geil

06.04.2016

Nach ein, zwei Bier macht man sich schon mal so seine Gedanken, Und kommt schnell vom hundertsten ins tausendste und manchmal noch ein ganzes Stück weiter. Je nachdem das wie vielte Bier das zweite tatsächlich war.

Diesmal drehen sich meine Gedanken um die Arbeitswelt und den angeblichen Geiz.

Und tatsächlich ist das zweite Bier in Wahrheit das dritte.

Gedanklich mache ich jetzt eine Reise durch die Zeit. Erst mal ganz schnell ganz weit zurück und dann peu à peu wieder Richtung heute.

Die Frühzeit

Mit den Bezeichnungen nehme ich das nicht so wissenschaftlich. Als Frühzeit nehm' ich mal so die Spanne von den Jägern und Sammlern bis... bis die Leut' eben sesshaft wurden.

Angeblich gab es da eine gewisse Arbeitsteilung. Sinn, Zweck und Ziel war wahrscheinlich das schlichte Überleben. Hab ich was zu fressen, gut. Hab ich nichts, blöd. Und wenn blöd, dann muss ich zusehen, dass was zu fressen ins Haus kommt.

Über Bevölkerungsentwicklung, Wachstum und so modernes Zeug hat sich sicherlich kaum einer gekümmert. Und wenn doch, dann war's schnell sense mit dem Fressen.

Freizeit, Selbstentfaltung und Poppen waren der Sache mit dem Fressen ganz klar untergeordnet. War ordentlich zu Fressen da, dann konnte ordentlich gepoppt werden.

Das Mittelalter

Unter dieser Zeit fasse ich mal all das zusammen, was zwischen dem Sesshaft werden und dem Beginn der Technisierung passiert ist. Sicher gab es da einige Feinabstufungen, die lass ich mal beiseite.

Die gewisse Arbeitsteilung hat sich in dieser Zeit in eine gewisse Richtung entwickelt, die bis heute ihren Fortbestand hat. Anstatt gemeinsam dafür zu sorgen, dass für alle jederzeit genug zu Fressen da ist, haben sich schnell - auch das nur grob skizziert und sehr pauschal - zwei Klassen herauskristallisiert.

Die eine, die dafür gesorgt hat, dass es was zu fressen gibt und die andere, die gefressen hat. In Zeit ausgedrückt: Die einen, die rund um die Uhr gerackert haben und die anderen, denen so fad war, dass sie neben dem Fressen pausenlos Kriege führen mussten, um nicht selbst vor Langeweile umkommen zu müssen.

Die industrielle Revolution

Irgendwann - ich denke, das hat schon ein wenig mit der Aufklärung zu tun - begann der Mensch, Dinge zu entwickeln, mit denen manche Sachen schneller, einfacher, billiger zu machen waren. Auch das Erzeugen von Futter für die Menschen.

Davon hätten theoretisch ja alle Menschen profitieren können. Kein Hunger für alle, etwas Freizeit für alle. Einfach Spaß, Lebensfreude oder wenigstens genug Schlaf.

Pustekuchen. Irgendwie wurde immer mehr erzeugt, es gab immer mehr zum Fressen, allüberall Fortschritt. Und es gab immer noch diejenigen, die gefressen haben und diejenigen, die dafür zu sorgen hatten, dass genug zu Fressen da war.

Haushaltshilfen

Der technische Fortschritt hat sich nirgends aufhalten lassen. Warum auch, der mach ja vieles einfacher. Und wenn vieles einfacher ist, dann hat man doch viel mehr Zeit für... für Dinge, die man machen möchte, für die man aber keine Zeit hat.

Waschmaschinen machen das Waschen einfacher. Züge und Autos machen das von hier nach dort Kommen einfacher. Das Telephon (so wurde das damals geschrieben) macht die Kommunikation einfacher. So möchte man meinen, diejenigen, die dafür zu sorgen haben, dass genug zu Fressen da ist, hätten jetzt endlich mehr Zeit für sich und die ihren.

Letztlich machten ja sogar Panzer und Flugzeuge das allgemeine Morden aus Langeweile einfacher und effektiver. Im Mittelalter brauchte Europa etwa 30 Jahre, um ein paar Millionen Menschen umzubringen - ich habe von Zahlen zwischen 2 und 10 Millionen gelesen. Im ersten Weltkrieg waren es schon um die 20 Millionen in gerade einmal vier Jahren. Im zweiten Weltkrieg liegen die Schätzungen dann so um die 50 Millionen in sechs Jahren. Das sind Steigerungsraten.

Selbstverwirklichung und Doppelverdiener

Bislang - so die allgemeine Geschichtsschreibung - herrschte eine patriarchalische bestimmte Arbeitsteilung vor, die den klassischen Geschlechtern klassische Rollen zuwies. Männlein ist für Acker und Krieg zuständig. Weiblein für Kind und Küche. Das gilt vor allem für die fressenerzeugenden Gesellschaftsschichten. Für die fressenden Gesellschaftsschichten fällte das mit dem Acker für die Männchen weg und der Krieg ist eher Hobby. Für die Weibchen kommt vielleicht noch das Gutaussehen hinzu, sozusagen als Mehrbelastung.

Vielen Weibchen war das irgendwann zu blöd. Sie wollten als Frauen wahrgenommen werden und - berechtigterweise - an der gesellschaftlichen, technischen und was weiß ich noch alles Entwicklung aktiv und gestalterisch teilnehmen.

Mal zaghaft als Selbstverwirklichung, dann etwas energischer als Emanzipation.

Kurzzeitig sah es so aus, als ob im Konzert von Selbstverwirklichung und Emanzipation für alle Menschen ein besseres Leben entstehen könnte. Aber nur kurzzeitig. Denn aus der Selbstverwirklichung wurden Doppelverdiener. Und das Doppelverdienen wurde zur Notwendigkeit.

Während heutzutage die fressenden Gesellschaftsschichten - wie eh und jeh - im Luxus schwelgen und noch tollere Kriege ersinnen, verbringt die Mehrheit der Menschen nach wie vor die meiste Zeit ihres Lebens damit, dafür zu sorgen, das genug zum Fressen für alle da ist.

Nebenbei: Natürlich wäre reichlich Fressen für alle da. Und natürlich könnte das Fressen auch überall da hin gebracht werden, wo hungrige Mägen danach gieren. Das interessiert die mit den vollen Mägen aber nicht so arg.

Produktivität

Die Produktivität ist von der Frühzeit bis zu den Doppelverdienern so unglaublich gigantisch gewachsen - dafür hat die Deutsche Sprache keinen annähernd passenden Superlativ zur Verfügung. So gigantisch, dass man meinen möchte, ein jeder hätte mehr als genug zum Fressen und obendrein ordentlich Freizeit.

Tatsächlich geht die Produktivität jedoch nicht in Freizeit, Lebensqualität oder Fressen für alle auf, sondern sie manifestiert sich in Geld, dass sich nach wie vor vor allem in den fressenden Gesellschaftsschichten kumuliert. Lebensqualität kann sozusagen in Euros abgeschöpft werden.

Geiz ist geil oder Bio

Jetzt noch ein bombiges Schlusswort... hab ich mir zumindest vorgenommen. Hab aber keine wirkliche Lust mehr drauf. Vielleicht, weil sich zu dem eingangs erwähnten Bier noch eine Flasche Wein gesellt hat. Und doch... ich geb' mein Bestes:

Vor nicht allzu langer Zeit zog ein Unternehmen mit dem Slogan "Geiz ist geil" in den Kampf um die Gunst der Geldbeutel. Etwa zur gleichen Zeit erwachte anderen Ortes ein Bio-Qualität-und-was-weiß-ich-Bewusstsein.

Ganz schnell gingen die Bio-Bewussten dazu über, verächtlich auf die vermeintlich Geiz-ist-geil-Mentalität herab zu blicken. Ist auch einfach, mit prall gefülltem Beutel und nackichem Finger zu zeigen...

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