Keine Stadt, nirgends - Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Noch eine Replik

10.05.2017

Das Thema München, großstädtisch oder kleingeistig, und wer wie auf seine Heimat schimpfen darf, hat nicht nur mein Gemüt erregt. Im Netz wird heiß diskutiert.

Hier möchte ich einen alten Spezl zu Wort kommen lassen, der sich von Max Scharnigg beinahe körperlich angegangen fühlt und so gar nichts auf München kommen lassen will.

Eine Replik.
Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Herr Scharnigg, einen kurzen Moment, ich muss noch gschwind das iPhone aus meiner Burnout-Visage nehmen, dann bin ich für Sie da. Ich hab grad schnell a Platzerl ein einem der zwei Dutzend Restaurants reserviert die keine laminierten Speisekarten haben. Reservierung für März 2018.
So Herr Scharnigg, jetzt hab ich Zeit, mich mal um ihr Gesabber zu kümmern.

Sie machen es sich sehr einfach, wenn Sie in Städten nur das für Sie angenehme sehen und dass dann auf Ihre Heimatstadt runterbrechen. Sie haben sich bestimmt ausgiebig mit Müllabfuhr in Italien befasst oder mit öffentlicher Healthcare in London. 
Und irgendwie ist halt eine Stadt eine Weile lang immer spannend, cool, mondän oder was auch immer. Aber irgendwo ist Heimat. Und Heimat ist für mich München. Mit allen Stärken und Schwächen. Da brauche ich kein Stockholm oder Lissabon als Vergleich. Oder wenn schon, dann bitte gleiches vergleichen. Und nicht irgendwelche willkürlichen Punkte anführen.

Und Herr Scharnigg, ob München jetzt mehr oder weniger genuin Städtisches hat, als viele andere Städte, will ich nicht beurteilen. Und keine Ahnung, ob es eine spezifische Verdichtung gibt (ich weiß nicht mal was genau das ist).
Das München für Sie nichts Lebendiges hat, ist nachvollziehbar, es rennen ja nur hundehaltende Burnout-Visagen-Zombies rum, logo da geht nix mit Lebendigkeit.

Historischen Pulsschlag empfinde ich bei jedem Biergartenbesuch. Ok, die Historie wurde Ihrer Ansicht nach vermutlich durch geschissn eingeschänkte Maßen und mittelmäßiges Essen verhunzt. Deswegen ist Ihnen der historische Pulsschlag abhanden gekommen. Aber hey, egal, wenn die Grantler von Ihrem Schlag lieber historische Vibes in Zürich bekommen, hab ich im Biergarten meine Ruhe. Und vorher hol ich mir meinen Radi beim Gemüsedantler. Weil, so was gibt’s nämlich noch an unendlich vielen Stellen in München. Über den Viktualienmarkt (den vielleicht schönsten Verweilort in der Stadt), schreibe ich jetzt nix, weil das hauen Sie mir eh um die Ohren, von wegen nur noch Touri, totaler Kommerz, viel zu teuer und eben Verlust jeglicher Historie. Sehe ich anders. Lass ma des.
Während ich also so im Biergarten vor mich hin genieße, hocken Sie, Herr Scharnigg, derweil auf der Piazza in Triest und vergeben 3 Sterne an diese unglaublich ursprüngliche, großartige Trattoria.

Ein modernes Drehmoment fehlt? Ok, wird wohl so sein, kann ich nicht beurteilen, weil hab ich auch noch nie hinterfragt, ich weiß auch hier nicht, was Sie meinen und es ist mir glaub ich auch wurscht.
Ich bin ganz schön blöd, gell? Ich kapier die einfachsten Dinge von denen Sie schreiben nicht.

Ich bin noch nie in Paris Fahrrad gefahren, anders als Sie, vermutlich. Ich habe aber auch kein gesteigertes Verlangen das zu tun. Hier, auch wenn das für Sie unglaublich klingen mag, kann ich von daheim bis ins Büro hinterm Harras quer durch den Westpark, dann durch Fahrradstraßen mit 3 Ampeln und weitest gehend ohne großen Autokontakt fahren. Das ist geil und das ist etwas, was München für mich besonders macht.

Was ist schlimm dran, wenn die Leute wandern gehen am Wochenende? Ach ja, blöd, weil dann sind die tollen Parks verwaist und werden den Hunden zum Vollscheissen freigegeben.
Sans doch froh, dass die alle beim Wandern sind, dann gibt’s in einem der zwei Dutzend Läden, vielleicht a Platzerl für Sie.
Und alle Zombies sind Hundebesitzer. Sau viele Hundebesitzer. So zum kompensieren für das was Ihnen die Schleuser und Dax-Konzerne Tag für Tag abverlangen. Und wissen Sie was, Herr Scharnigg?
All diese Hunde scheißen. Und zwar gerne auch mal auf Gehwege und auch mal auf Grünflächen. Jetzt ist es aber so, Herr Scharnigg, dass die Hundebesitzer, zumindest die, die ich kenne, das Scheißhauferl ihres Vierbeiners wegräumen und entsorgen.
Und, stellen, Sie sich vor, Herr Scharnigg, da durch entwickelt sich in den Parks in meinem Kiez tatsächlich so was wie soziale Geselligkeit. Fußball, Slackliner, Wasserspielplatz, Griller, auf Decken Rumlieger in den Hineinscheißparks. Augen auf und ab in den Westpark oder den Hirschgarten, nicht zu vergessen den großen in Schwabing, oder den Olympiapark. Sie werden Augen machen....Und wenn mal einer den Haufen nicht wegmacht, dann tritt man rein. Überall auf der Welt. In Parks. Und auf Gehwegen. Übrigens liegt in der halben Welt so dermaßen viel Scheiße rum, direkt, unmittelbar, auf Gehwegen an Stränden und, und, und. Aber bitte, wenn Sie meinen…

Gut, dass die Zombies dann von ihrem vielen Geld etwas kaufen was angeblich Tracht sein soll ist grauenhaft. Da bin ich bei Ihnen. Und sollen die lieber einen Fake-Diesel-VW kaufen, satt eines Autos von hier? Generell sollten Autos im Großstadtkontext keinen so hohen Stellenwert einnehmen. Hat aber wieder nichts nur mit München zu tun, sondern ist ein globales Thema.
Und was ist verwerflich dran, eine Immobilie zu kaufen. In etlichen ihrer Supi-Dupi-Städte funktioniert Wohnen immer nur im Zusammenhang mit Immobilieneigentum.

Ich habe mir ein Haus in Laim gekauft, und Skandal, da ist ne voll fette Garage dabei. Mei, da könnt ein so schöner Baum stehen mit am Lichterketterl dran (Schmarrn nur Spaß, das darf ich ja gar nicht), statt der dämlichen Bausünde namens KFZ-Behausung.

Zurück zu den Parks: Hier ums Eck gibt es auch eine Grünfläche (Park wäre zu hoch gegriffen) auf der man nicht kicken darf. Aber außenrum gibt’s Grünflächen ohne Ende und die dürfen auch von Kindern und Erwachsenen benutzt und bespielt werden und auch von Hunden. Stellen Sie sich das mal vor.

Ach Herr Scharnigg, Baustellen hinter Rathäusern müssen sein, weil Flächen bauen sich ja nicht von selbst um. Und wollen sie nicht eine Stadt die sich verändert? Aus dem schrottigen Betonareal hinterm Rathaus wurde grüne Wiese, sogar mit Bänken. Und Ihnen passt es schon wieder nicht. Und dann setzen sich auf die Bänke auch noch Leute, vorwiegend Rentner, und wie krass ist das denn, auch noch frisch geduscht. Mei und dann schauen die auch noch was in Ihrem Sichtfeld so passiert. Das täts in Lissabon so bestimmt nicht geben!

Ich geb Gas, bin bald durch mit meinem Genöhle.

Ich fahr so selten mit der Regionalbahn, dass es mir komplett wurscht ist, was da an Gebäck verkauft wird. Hat ja auch echt viel mit München zu tun, was sich die BayerischeOberlandBahn, der Meridian und die Deutsche Bahn so ausdenken an kulinarischem Schrott. Das machen die nur um Sie zu ärgern Herr Scharnigg und um München schlecht aussehen zu lassen. Treffer. Echt scheiße von dir Minga, dass du in der Bahn nicht so geiles Zeug vercheckst.
Ach ja, die Bahn.

Nahverkehr: kackt in jeder Großstadt ab. Sicher witzige Kampagnen in Berlin, witzige Schilder in London, aber ich hab mich mit den Öffis arrangiert und finde es in München wirklich passabel. S-Bahn nervt halt. Ist aber Deutsche Bahn, da kann München nichts dafür.

Und dass Sie kleines Schleckermäulchen mir beim Wandern (!!!) entlang der Isar bloß nicht verhungern, Sie Nimmersatt. Statt den regionalen Bäcker ihres Vertrauens zu supporten und einfach eine Breze (die ist dann logischerweise auch nicht trocken) mitnehmen, granteln Sie lieber rum wie wahnsinnig schlecht die Versorgung ist.

Lieber Herr Scharnigg, während Sie sich wegen dieser grottigen Versorgungssituation die Finger wund telefonieren um a Platzerl in einem der 12 guten Läden zu bekommen, gehe ich ganz gechillt zum Wahnsinns-Vietnamesen ums Eck und krieg da eigentlich immer einen Tisch. Oder der kleine Suppen-Chinese im Westend. Ach so, der hat ne laminierte Speisekarte, das ist unter Ihrer Würde.

Schon mal drüber nachgedacht, dass die Gastronomen alle ab 22 Uhr das Kochen einstellen, weil es sich vielleicht einfach nicht rechnet, weil die Stadt ist leergefegt von Gourmets. Fast. Da sind ja noch Sie. Der Rest isst halt früher oder daheim, aber verhungert ist hier noch keiner.

Und mittags, ein Wahnsinn, gehen alle in die Kantine oder zum Döner.
Lassen Sie doch jeden da essen wo er möchte.

Und wenn Sie zu deppert sind in München ohne eine Plan Bier zu trinken, dann ist das sicherlich nicht Münchens Schuld, doch schon, die Bierbeizndichte wird geringer, aber da geht eigentlich immer noch was.
Und: Ich bin kein Anzugträger und habe auch kein gesteigertes Verlangen, jeden Tag nach dem Büro mit dem Rest der Stadt einen Tresen zu haben um mich volllaufen zu lassen.
Kann ich aber sicherlich wenn ich will.
Wenn das ein Kriterium für die Güte einer Stadt ist, bin ich in dem Punkt nicht bei Ihnen.

Ich bin mein ganzes Leben in München immer ohne Späti ausgekommen und hatte trotzdem immer alles. Das geht. Aber es grantelt sich halt schön, wenn man nicht theoretisch die Chance hat, 24/7 einen Laden der alles hat, betreten zu können. Da führen Sie ja als Beispiel New York in Felde.

Off-Topic: Und seit schon immer höre ich von Leuten die nicht aus München kommen, oder eine Weile hier gelebt haben, dass es scheiße ist, wenn du um 3.30 Uhr keine Currywurst mehr kriegst. Ganz ehrlich. Aus dem Alter bin ich raus. Deswegen brauche ich auch keinen Späti.

Und ich bin froh, dass es hier nie Berliner Verhältnisse geben wird, weil des braucht kein Mensch.

Und jetzt noch kurz den ganzen Einschränkungen. Scheiße, eine Stadt in der man im Hinterhof keine Musik hören darf. Und ey, voll verboten sind Lichterketten. Wie uncool. Boah, und Straßenflohmärkte nur organisiert für ganze Stadtteile von irgendwelchen burnoutgefährdeten Hipstern. Geht ja gar nicht.

Ach ja, die Schulen. Genau, vergammeln alle. Weil die „Scharnigg-Architektur-Stiftung zur Wiederherstellung und zum Erhalt des Jugendstils" einfach noch nicht effizient genug arbeitet.
Macht aber nichts, weil Herr Scharnigg, die Ausbildung im Inneren dieser Gebäude, die hängt nämlich nicht vom Zustand des Gebäudes ab. Ich weiß, wir können was Schulen innen und außen betrifft, nicht mit den Dänen mithalten. Oder waren es Schweden?

Apropos Dänen, Sie Fuchs, die Bürgerbüros anzuführen. Allein der Begriff Bürgerbüro macht den Menschen schon bad vibes. Wär natürlich gechillter, wenn es da Vanillekipferl gäbe und geile Lounge-Chairs zum so richtig rum lümmeln, bis man dran ist. Gut das Sie das noch nie einem Dänen zeigen mussten.
Ich nehme an, dass Sie in jeder Stadt in der Sie sind, sicherlich immer die Bürgerbüros ansehen, um beurteilen zu können, das die in München eben so richtig scheiße sind.
Gut, dass Sie keine anderen Sorgen haben.

Was hat der Wohlstand einer Stadt mit der Wartezeit auf Termine bei Fachärzten zu tun?
Kapier ich nicht.

Um mich und meine Familie herum sind ganz viele liebe „echte Menschen“, weil tatsächlich, auch wenn es in ihre cosmopolite Birne nicht reinpasst, die gab es in München, gibt es und wird es immer geben. Menschen, die weniger rastlos sind als Sie. Menschen, die tatsächlich in einem Garten die Boxen rausstellen und mal schön beim Grillen NOFX hören und bei denen die echten Nachbarn nicht gleich die Cops rufen, sondern auf a Spare-Ripperl rüber kommen.

Ich bin gebürtiger Münchner. Aufgewachsen in 8000 München 19, Gern, Kiez Rotkreuzplatz. Dann war ich einige Jahre in Passau. Eine geile Stadt! Seit 22 Jahren wieder in München. Erst Haidhausen, dann Neuhausen, dann unterhalb vom Harras in Alt-Sendling. Seit fast sechs Jahren in Laim.

Und ich werde wahrscheinlich hier in die Grube fahren und am Westfriedhof die Unendlichkeit antreten.

Lieber Herr Scharnigg, ich bin jetzt Mitte Vierzig. Ich kenne ihr Alter nicht.
Aber ganz im Ernst: Haus mit Garten ist in Stockholm genau so geil wie in Minga.
Ein Bier trinken und eine Sportzigarette mit den Jungs rauchen konnte ich in München immer, seit ich Teenie war. Perfektes Glück!

Mittlerweile bin Vater, dicker geworden, wahrscheinlich auch ruhiger und verdammt, ich liebe diese Stadt. Mit allen ihren Facetten, gut wie schlecht.
Ich liebe die Biergärten, das Grün, meinen Viktualienmarkt, ich liebe es, dass es eher ruhig zu geht, ich liebe den Schnee im Winter, ich liebe das Umland.
Ich liebe das Grünwalder Stadion, ein Fußball-Refugium mitten in der Stadt, abgerockt, cool und viel geiler Nachwuchs-Fußball. Immer noch. Das gibt’s nicht so oft.
Und ich muss auch nicht jeden Abend 5 km wegflanieren.
Das können die Mailänder eh besser.

Ach ja, mein Haus ist von 1937, einen Scheiß zerbombt und nicht kleingeisitg. Aber klar, in allen anderen Städten funktioniert Architektur anders, freakiger, mondäner, was weiß ich.

Aber Sie haben mit sehr vielem Recht, Sie haben recht, dass seelenlose Wohnbunker nicht richtig lebenswert sind. Aber das sind sie hier nicht und auch nicht woanders.
Sie haben recht, dass die bedrohliche Ausdehnung der Lidls, Rossmanns und so weiter, beängstigend ist. Aber auch das ist kein Münchenspezifisches Thema.

Wo sollen denn all die Dax-Konzern-Soldaten denn übernachten? Klar, die Architektur hat versagt, übrigens auch bei den Mietskasernen in den zig Städten, die sie bereits bereist und genauestens inspiziert haben.

Vielleicht sollte München aufhören immer weitere Areale als Bauland für Wohnraum auszuweisen, Freiham, Panzerwiese etc. Weil, und da bin ich bei Ihnen, sonst wird’s immer voller und seelenloser.

Sicher verändert der extreme Zuzug der von den Schleusern rekrutierten Armeen das Bild der Stadt, mehr SUVs, mehr kleine seelenlose Wohnungen, mehr „Trachten“, mehr Gestresste.

Sicher, auch da gebe ich Ihnen recht, schade um die alten Trambahnen, aber da kriegst du halt den Rollstuhl und den Kinderwagen nicht rein und schwupps. Schon draußen die alten Züge. So nicht mehr nutzbar.

Es gibt sicherlich schönere Kulturzentren als unseren Gasteig, aber des Ding ist frequentiert, wie kein anderes in Europa.

Es hat sich, und auch da bin ich bei Ihnen in den letzten 10 Jahren wenig vorzeigbares Neues entwickelt, zumindest, wenn man von Architektur ausgeht. Aber ist das schlimm?
Muss sich ständig was tun? Ist nicht eine gewisse Beständigkeit und Langsamkeit nicht auch erstrebenswert? Für mich auf jeden Fall.

Ach ja, zu guter Letzt, wer auch immer zu Besuch kommt, kriegt viel zu sehen, viel schönes, viel Gutes. Beschwert hat sich jedenfalls noch keiner.

Es war mir eigentlich schon immer zu blöd, mit Leuten zu diskutieren, warum welche Stadt geil oder scheiße ist. Aber jetzt wars an der Zeit mal ein bisschen gegenzugranteln.
Nichts für ungut.

Einer von einer halben Million Bedürftiger! 

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