Fundbüro

Bauschutt
09.05.2012

Eine Ämterfarce in zwei Akten.

Buchbinder Wanninger hätte seine helle Freude gehabt.

Fundbüro 1. Akt

Die Radltour mit dem Sohn war lange geplant. Die Taschen gepackt, die Brote geschmiert, es konnte los gehen... ...konnte es nicht. Ohne Rad keine Radtour. Nagelneu und im Hinterhof vertäut. Leider nicht einbetoniert, sonst stünde es noch da.

Nicht genug mit dem Ärger, plötzlich ohne fahrbarem Untersatz da zu stehen. Polizei, Versicherung, Fundbüro, wieder Versicherung, warten ob und wieviel die Versicherung zahlt und zuguterletzt die Neuanschaffung. Kostet Zeit, kostet Geld, kostet Nerven.

Zur Polizei muss man, weil's sonst nichts von der Versicherung gibt.

Also Anzeige erstatten. Überzeugt von der Sinnlosigkeit des Unterfangens erzähle ich meine Geschichte dem diensthabendenden Beamten. Der ist ebenso von der Sinnlosigkeit der Anzeige überzeugt. Und er läßt mich spüren, was er von meiner Belästigung hält.

Die Statistik sagt, dass von zehn gestohlenen Rädern vielleicht eins wieder auftaucht. Und so viele möchte ich mir eigentlich nicht klauen lassen.

Noch sinnloser als die Anzeige, ist der folgende Besuch im Fahrradkeller des Fundbüros. (Auch das muss sein, sagt die Versicherung.)

Von der Polizei bekomme ich einen Zettel in die Hand gedrückt. Daruf steht, wann und wo ich das Fundbüro aufzusuchen hätte. Und wenn der Zettel von der Polizei kommt, dann wird das schon seine Richtigkeit haben. Das dem nicht so ist, merke ich später. Nämlich in dem Moment, als ich zur richtigen Zeit vor verschlossenen Türen stehe. Zwar steht auch auf der Tür, dass sie eigentlich offen zu sein hätte. Ist sie aber nicht.

Ein freundlicher junger Herr lugt aus dem Fenster und klärt mich auf. Die Öffnungszeiten hätten sich schon vor einiger Zeit geändert. Es bräuchte aber einige Zeit mehr, bis sich das auch überall herumgesprochen hätte. Nachdem ich aber nun schon mal da sei, würde er mich ausnahmsweise herein lassen. Glück gehabt, schiesst es mir durch den Kopf. Muss ich wenigstens nicht noch einmal her.

Eine halbe Stunde später, mein Fahrrad befand sich nicht im Fahrradfundus des Funbüros, schiesst ein ganz anderer Gedanke durch meinen Kopf: Das war's dann wieder mit dem Glück. Nicht weil ich das Rad nicht da war, davon war ich aus gegangen, sondern von der nächsten Niederträchtigkeit, die der Amtsschimmel für mich parat hält: Obwohl ich jetzt ordnungsgemäß nach dem Rad gesehen habe, könne mir die notwendige Bestätigung für die Versicherung nicht ausgestellt werden. Zwar sei der bestätigungsausfüllende Mitarbeiter im Haus, nicht jedoch der bestätigungsentgeldinempfangnehmende Mitarbeiter.

Fundbüro 2. Akt

oder: warum ich keine Angst vor dem Überwachungsstaat hab

Eine Woche später dann dieses:

Im Fahrradkeller sitzt ein Beamter, der vor allem eins zu tun hat: Dort sitzen. Von dem, so bilde ich mir ein, werde ich meine Bestätigung bekommen.

Zumindest hört er sich interessiert an, was ich zu sagen habe und schickt sich an, die ganze Diebstahlsgeschichte noch einmal aufzunehmen. Dabei sehe ich über seine Schulter und stelle verblüfft fest, dass der Herr Zugriff auf meine kompletten Adressdaten hat. Was er aber nicht hat, ist Zugriff auf meine Anzeige. Vorratsdatenspeicherung hin, Interpol her, in München weiss Dienststelle zwei nicht, was was Dienststelle eins weiss.

Sei wie es sei. Zuguterletzt druckt der Herr einen Zettel aus, streicht hier etwas durch und ergänzt dort etwas. Stempelt und unterschreibt. Ich wähne mich schon mit meiner Bestätigung auf dem Heimweg. Schwer gefehlt. Mit diesem Zettel müsse ich in den zweiten Stock und dort bezahlen. Immerhin 10,- Euro will der Staat dafür, dass er mir betätigt, dass mein Rad unwiederbringlich gestohlen ist.

Also gut, hoch in den zweiten Stock. Die freundliche Dame an der Kasse mustert den Zettel eingehend und weist mir den Weg ins Nachbarbüro.

Im Nachbarbüro wird mir mein Zettel abgenommen. Eifrig werden Daten in den Computer eingegeben. Der Drucker rattert, ein weiterer Zettel kommt zum Vorschein. Hier etwas durchgestrichen, dort etwas ergänzt. Unterschrift drunter, Stempel drauf. Jetzt könne ich zur Kasse gehen und bezahlen. In den Nebenraum wird gerufen, es käme jetzt jemand zum Bezahlen.

Wieder an der Kasse. Die freundliche Dame nimmt meinen Zettel, mustert ihn eingehend. Hier etwas ergänzt, dort etwas durchgestrichen. Stempel drauf und Unterschrift drunter. Mit dem so doppelt gestempelten Zettel müsse ich erneut ins Nachbarbüro.

Im Nachbarbüro wird mir mein Zettel erneut abgenommen. Eifrig werden Daten in den Computer eingegeben. Der Drucker rattert, ein weiterer Zettel kommt zum Vorschein. Hier etwas durchgestrichen, dort etwas ergänzt. Unterschrift drunter, Stempel drauf. Geschafft. Das ist jetzt endlich die Bescheinigung.

Glaubt Ihr nicht? Laßt Euch das Rad stehlen und Ihr werdet staunen...

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