Keine Stadt, nirgends - eine Replik

09.05.2017

München wird vielfach verklärt und wer nicht verklärt, der schüttet gerne kübelweise Häme. So unrichtig das eine, so falsch das andere.

Max Scharnigg, seines Zeichens Münchner und Weltbürger, hat nun seinen eigenen Kübel dazu gestellt: 

Grant. Oder: Keine Stadt, nirgends

Das möchte ich aus meiner Sicht zurecht biegen und frei nach Karl Valentin meine Interpretation zum Besten geben.

"Ich war in New York, London, Berlin, Paris, Mailand, Wien, Lissabon, Porto, Reykjavik, Rom, Stockholm, Triest, Budapest, Zürich und Kopenhagen."

Das zieht, Reisen bildet. Klingende Namen, schöne Städte gewiss.Sicher kann man jederzeit Städte miteinander vergleichen. Doch ein jeder wird aus den Vergleichen seine eigenen Schlüsse ziehen. Und jeder Vergleich wird hinken.Bin ich in New York, möchte ich dort nicht Lissabon finden. Bin ich in Rom, will ich keine Reykjavik-Temperaturen. Und bin ich in München, will ich Bier und keinen Portwein. So platt, so einfach.

"Nach jeder Reise bin ich ein bisschen unglücklicher in München aufgewacht, denn jede dieser harmlosen Städte war besser."

Das kann wohl jeder nachvollziehen, der mal im Urlaub gewesen ist. Und jeder weiß, dass dieses Gefühl nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Wenn nicht... dann wird es vielleicht Zeit, sich eine andere Stadt zum Lebensmittelpunkt zu machen. Fürwahr. Auch wenn ich der Überzeugung bin, erst wenn ich mich in meiner Stadt so wohlfühle, dass ich von dort nicht mehr weg will, bin ich bereit, weg zu gehen. Denn gehe ich aus Unzufriedenheit, werde ich an jedem anderen Ort der Welt über kurz oder lang eine ähnliche Unzufriedenheit verspüren.
Sicher findet der eine oder die andere den Tratsch im Münchner Treppenhaus muffig, spießig und fühlt sich davon belästigt. Wie locker hingegen in südlichen Gefilden, wenn die Menschen in der Sonne vor dem eigenen Domizil sitzen. Dass die dort ebenso tratschen und sich das Maul zerreißen, fängt erst an zu stören, wenn man der fremden Zunge mächtig ist.

"...aber alle hatten etwas genuin Städtisches, das München nicht hat."

"Genuin Städtisch", dass hefte ich mal unter Hippes Buzzword ab. Denn was ist daran genuin an
- gschissnen Wiener Conciergen
- aufgerissenen Trottoirs in Lissabon
- oder der Abwesenheit von Sonne in New Yorker Betonschluchten?
Wer bitte definiert was "Städtisch" ist und was genuin, was heruntergekommen ist? Während der Berliner sich über das geschleckte München lustig macht, findet der feine Züricher die Berliner Straßen siffig. Der Römer findet den MVV faszinierend, während der Münchnergerne in der ratternden nach Belem sitzt. Oh, ganz vergessen, nach Belem fahren auch keine ratternden Trambahnen mehr, die sind schon lange gegen moderne Wägen ausgetauscht.

"...dem Hund in den Park, weil was anderes kannst du in den Münchner Parks auch nicht machen."

Ich für meinen Teil liege schon ganz gerne in dem einen oder anderen Park auf der Wiese. Mit einem guten Buch, einer Flasche Wein oder mit dem Picknick-Korb. Gerne auch mit Grill. So wie die Griller auch in Berlin und anderswo anzutreffen sind.
Und überhaupt Hunde, ja mei, zu denen hat jeder seine eigene Ansicht. Gehören die überhaupt in eine Stadt? Ist die Oma mit dem Zamperl war urig Münchnerisches, oder mehr miesepetrig provinziell. Wo kacken denn die Hunde in andren Städten so hin? Auf die Straße? Seien wir doch ehrlich, das stört jeden in jeder Stadt, wenn die Hinterlassenschaften am Schuh kleben. Das hat nichts genuines.

"...in kleinen Regionalzügen Zimtkringel und Kaffee verkauft..."

Will ich in der Bahn tatsächlich mit Kaffee und Zimtkringeln versorgt werden? Ist es wirklich erstrebenswert, zu jeder Zeit und an jedem Ort mit ToGos belästigt zu werden? Zumal die Bohnenplörre aus der Thermoskanne auch in Stockholm keine kulinarische Großtat sein wird. Ich nehme mir lieber die Zeit und frühstücke in Ruhe daheim. Im Regionalzug oder der S-Bahn ist mir die Lektüre von Zeitung oder einem guten Buch um einiges näher.

"Die sind für echte Menschen gemacht..."

Da rentiert es sich, etwas länger darauf herumzudenken. Das jedoch nicht nur in München.
Gewachsene Kulturstätten, die sind was für Menschen, die sind voller Leben. Die gibt es in vielen Städten. In den einen mehr, in den anderen weniger. In München sicher nicht so viele, wie in Berlin.
Doch ebenso protzen viele Städte mit ihren Kulturbunkern, die so viel Lebendigkeit ausstrahlen, wie Beton in der Lage ist, zu strahlen. In München heißt das dann Gasteig, in Hamburg Elbphilharmonie. Da geben sich die Pinakothek der Moderne und das Centre Pompidou nicht viel. Den Charme eines AJZ Bielefeld werden die nie erreichen.

"...die zwei Dutzend guten Restaurants sind alle immer reserviert..."

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf Zahlen herumreiten. Und auch nicht ausdiskutieren, wer jetzt was unter einem "guten Restaurant" versteht.
Ob man jedoch spontan einen Platz bekommt oder Wochen im Voraus reservieren muss, hängt an einigem mehr, als dem einfachen Umstand, ob man sich in München oder einer genuin Städtischen Stadt befindet.
In München Schwabing kannst du es mittlerweile vergessen, spontan einen Platz zu finden. Egal, ob in einem "guten Restaurant" oder um eben mal ein schelles Bier zu zischen. In Neuhausen, Haidhausen oder der Maxvostadt... ich bin mir sicher, da findet sich immer was. Wer ausschließlich die angesagten In-Schuppen im Auge hat, ich kann mir nicht vorstellen, dass die in anderen Städten immer einen Platz für den Gelegenheitsgast frei halten.

"...einfach mal schnell ein Bier, für so was musst du hier richtig eine Idee, einen Plan haben."

In der Tat wird das mit dem "einfach mal schnell ein Bier" zunehmend schwierig. Die Kneipe ums Eck macht dicht, dafür macht der nächste In-Schuppen ein Eck weiter auf. Und diese In-Schuppen haben meist so gar nichts von "einfach mal schnell ein Bier". Mehr so einfach mal schnell ein Cocktail und Bussi hier und Bussi da. Kein Schafkopf und keinen Kurzen mit dem Wirt. Da muss man schon nach Berlin, um im Gasthaus Valentin eine urige Münchner Kneipe zu finden. Da schlägt die Gentrifizierung auf ganzer Ebene zu. Die Mieten in München kann sich kaum ein Wirt mit "einfach mal schnell ein Bier" leisten.

"Eine Stadt soll ihre Leute verdammt noch mal nach der Arbeit unterhalten, betören und sedieren."

Wenn ich die Seiten vom In-München - der Münchner Veranstaltungspostille - aufschlage, dann bestürmt mich eine Menge an Unterhaltungsprogramm, so viel kann ich gar nicht fassen. Theater, Kabarett, Konzerte, Kino, Lesungen, Ausstellungen, Führungen. Ich könnte, selbst wenn ich ein sehr eingeschränktes Interesse hätte (und zugegeben, das habe ich), täglich aus mehr Terminen auswählen, als ich wahrnehmen könnte. Und nicht jedes Event ist ausgebucht. Wenn ich in Berlin in den Veranstaltungskalender sehe, dann finde ich in der Tat noch um ein Vielfaches mehr. Aber mal im Ernst, wer will allabendlich drei Punk-Konzerte, fünf Kinofilme und anschließend noch zwei Theatervorführungen mitnehmen? Da fühle ich mich nicht unterhalten, da fühle ich mich überfordert und gestresst. Das mag meiner kleinstädtischen Sozialisierung geschuldet sein, vielleicht aber auch dem Umstand, dass mein Tag nur 24 Stunden hat und einige davon bereits durch Schlafen, Essen und Arbeiten regelmäßig verplant sind.

"...zu tausenden dampfenden Takeway-Läden und Ständen..."

...und stopfen ihre feisten Wänste mit fettigem Fast Food exotischer Provenienz. Im Stehen, schnell, schnell. Tut mir leid, das sitze ich mit meinen Kollegen schon mal gerne in der Kantine zusammen.
Aber was soll ich sagen, ich bin da privilegiert. Wir haben eine Kantine im Haus und obendrein jede Menge dampfender Takeway-Läden obendrein. Aus dem Libanon, aus Mexiko, Vietnam, Thailand, der Türkei und Italien kommen die Küchenchefs.
Dann gibt es auch die weniger privilegierten Gegenden, in denen der Imbisswagen die Auswahl der Gerichte diktiert. Ich traue mich wetten, in jeder Stadt Gegenden zu finden, in denen es nicht anders ist. Ich traue mich gar zu wetten, dass ich diese Stellen schneller finde, als die Orte der tausend dampfenden Läden.

"...nur mit Kleingeist gebaut wurde."

Münchner Nachkriegs-Architektur brilliert in der Tat in Kleingeisterei. Zunächst erzwungen durch akuten Wohnungsmangel dank Bombardements. Später, vielleicht bis heute, durch rasches Profitstreben und billigen Beton. Die Schuhschachtelbauweise heutiger Tage, über die brauchen wir nicht reden. Brauchen wir nicht? Vielleicht schon, denn die lebensfeindlichen Auswüchse moderner Städteplanung findet sich beileibe nicht nur in München. Die ziehen sich durchs Land wie eine Grippeepidemie. Da unterscheidet sich Kölln nur marginal von Bayerns Hauptstadt. Ich kenne Lissabons Trabantenburgen und der Charme von Gropiusstadt wurde bei Christiane F. schon ausreichend besungen.

"Dazu jeden Tag Störung. Jeden Tag: Wegen starkem Verkehrsaufkommen..."

Wer über den Münchner Nahverkehr, vulgo den MVV, jammert, jammert auf hohem Niveau. Isso. Da helfen auch keine originell geschriebenen Berliner Hinweisschilder hinweg.
"Wegen starkem Verkehrsaufkommen" ist dabei ein Lob, das sich nicht jeder Verkehrsverbund ans Revers heften kann. Denn starkes Verkehrsaufkommen ist nichts anderes als der Beleg für eine Erfolgsgeschichte. Dass diese Erfolgsgeschichte mit dem tatsächlichen Erfolg nicht schritthalten kann, das hat hingegen vielfältige Gründe. Einer - und wie ich meine ein sehr betrüblicher Grund - ist da sicher die städteplanerische Kleingeisterei. Die städteplanerische Kleingeisterei wiederum hat ihren Ursprung in der Kleingeisterei vieler Münchner. Aber mal unter uns, wer will im Ernst jahrelang eine Baustelle vor der Tür, damit vielleicht die eigenen Enkel eine U-Bahn nach Pasing nutzen können?

"...das immergleiche Kleeblatt aus Rossmann, Lidl, Apotheke und Tengelmann, damit keiner verhungert."

Eine echte Unart. In Paris, in Porto, in London. Ja, auch in München.

"Echt, zum Verklären besteht kein Anlass."

Eigentlich bin ich ja angetreten, um München vor der oft herbeigewünschten Urbanität klingender Großstädte in Schutz zu nehmen. Jetzt merke ich, dass München bei vielen genuin Städtischen Eckpunkten durchaus mithalten kann. Und das ist nicht immer gut für München. Auch nicht unbedingt für andere Städte.

Jetzt ist aber gut. Jetzt gehe ich in den Biergarten. So lange es den noch gibt. Den gibt es nämlich nur in München und wenn München weiter einen auf genuin Städtisch macht, dann wird es den Biergarten bald nicht mehr geben. Dann wird er einem dampfenden Takeway weichen müssen.

Prost

PS: Und wem München nicht urban genug ist, niemand zwingt euch, in München zu bleiben.

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Geist

Mister

Ich soll jetzt also was über mich sagen? Weil das irgend wen interessiert? Das soll ich glauben?

Also gut. Ich werde oft gefragt, wie ich zu meinem Namen komme.

Der Name "Geist", also Geist wie Gespenst, kommt aus meiner Gruftiezeit... ach Quatsch, war ja nie ein Gruftie.

Eher so methaphysisch also. Inhaltsschwanger und philosophisch. Wär schön, sich mit sowas zu schmücken. Ist aber Unsinn.

Dann vielleicht religiös. So heiliger Geist und Dreifaltigkeit und so Sachen? Daraus ließe sich sicher was drehen. Gehört aber auch in das Reich der Sagen und Märchen.

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